Mannheim

Echte Reifeprüfung

Archivartikel

Eng gestrickt sind sie in diesem Jahr, die Termine der Abiturprüfungen. Und ob es einen krönenden Abschluss mit Abiball geben kann, das steht bei Corona in den Sternen. Was in früheren Jahren für viele nach dem Abitur möglich war, nämlich für ein Jahr die Welt zu bereisen, macht die Pandemie in diesem Jahr zunichte.

Gerade die Vereinigten Staaten fallen als sehr beliebtes Reiseziel aus. Zu krass wütet dort die Pandemie. Von über 60 000 Neuinfektionen täglich war in den vergangenen Tagen zu lesen. Aber auch andere Länder in Übersee tun sich derzeit schwer, Reisende aus Europa willkommen zu heißen. Erlitt nicht Neuseeland, das sich selbst als coronafrei erklärt hatte, hierbei einen herben Rückschlag? Für andere beginnt bereits am 1. August eine Ausbildung oder ein Freiwilliges Soziales Jahr. Also nichts ist es, mit „so richtig ausspannen“ und „chillen“.

Kein Garant für Lebensglück

Dabei zeigt mir meine Lebenserfahrung, dass ein Abischnitt von 1,0 nicht unbedingt Garant für Lebensglück bedeutet. Reifeprüfung nannte man das Abitur früher. Junge Erwachsene sollten zeigen, dass sie vorbereitet sind auf die Herausforderungen dieses Lebens, dass sie körperlich und geistig reif sind, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen.

Im vergangenen Jahrhundert waren die jungen Männer – Gott sei es geklagt! –, dann auch reif genug, um in den Krieg zu ziehen.

Sehr nachdrücklich schilderte dies Bernhard Wicki 1959 in seinem Film die „Brücke“ unter anderem mit den damals noch jungen Schauspielern wie Fritz Wepper und Volker Lechtenbrink. Dieser Film war und ist eine Mahnung an alle, den Verführern und Falschmeldern nicht zu trauen und der Ideologie nicht zu verfallen.

Verführer haben es leicht

Wie leicht haben sie es heute wieder die Verführer, Impfgegner und Coronaleugner ihre Anhänger zu sammeln und zu indoktrinieren. Die Anonymität im Netz macht es möglich. Von Reife keine Spur. Manchmal könnte mir Angst und Bange werden. Im Evangelium für den kommenden Sonntag lese ich die Worte Jesu: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden… und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“, (Mt 28, 18ff). Jesus hat das zu seinen Freundinnen und Freunden gesagt.

Reifeprüfung für die Kirche

Um Abschied ging es da. Jesus bereitete sie darauf vor, dass sie sich künftig ohne seine sichtbare Gegenwart in dieser Welt bewähren müssten. Jesu Weggang nach seiner Auferstehung war für seinen Freundinnen und Freunde die Reifeprüfung. Sie mussten ohne ihn klar kommen im Alltag mit Krankheiten, mit Missverständnissen, mit Verfolgungen mit Verleumdungen.

Die Kirche Jesu Christi hat auch heute keinen leichten Stand. Genüsslich werden beispielsweise immer wieder die steigenden Kirchenaustrittszahlen in den Medien veröffentlich und manches Mal auch hämisch kommentiert.

Das tut mir weh. Aber diese Zeiten sind auch eine Reifeprüfung für meine Kirche. Ich schaue nochmals in meine Bibel. „Bei euch alle Tage“ lese ich wieder und mir kommt in den Sinn: Ist Jesus, der Auferstandene nicht auch der Herr der Geschichte und der Herr der Zeit? Der Herr meiner Zeit und meiner Kirche? Er begleitet mich und uns durch die Zeiten. Das gilt. Das glaube ich.

Birgit Risch

Pfarrerin in Laudenbach

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