Mannheim

Ein Stück Himmel

Die Hölle, das sind die anderen“, so hat es der französische Philosoph und Dramatiker Jean-Paul Sartre gesagt und in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ vorgeführt.

Drei Personen hacken auch nach ihrem Tod bis in alle Ewigkeit aufeinander herum und können sich nicht entkommen.

Das ist wie im wirklichen Leben auch, wenn man eng aufeinander hockt. Man kann sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen: Im Klassenzimmer, in Büros, bei langen Autofahrten.

Die reine Hölle haben sicher auch die Jünger Jesu nach seiner Kreuzigung erlebt. Alle hatten sie Angst, sie könnten nun auch gefangen genommen werden. Jetzt hocken sie beieinander hinter verschlossen Türen: durcheinander, verzweifelt.

Jeder sucht nach Gründen für die Katastrophe: Einer hat alles verraten, ein anderer verleugnet, wieder ein anderer ist einfach weggerannt – ganz zu schweigen vom Versagen der Politik und der öffentlichen Meinung.

Jetzt, wo Jesus fehlt, kam alles hoch, was sie schon immer aneinander gestört hat. Sie machen sie sich das Leben zur Hölle. Reden laut, leise, oder gar nicht. Die Tür ist geschlossen.

Luft zum Atmen

Einer hält es nicht aus in dieser giftigen Atmosphäre. Thomas will nur noch weg. Er kann sich nicht einfach streiten. Konnte er noch nie. Es fällt ihm sowieso schwer, immer mittendrin zu sein. Er braucht immer ein wenig Sicherheitsabstand. Thomas sucht das Weite – oder anders gesagt, er sucht die Weite. Luft zum Atmen und Sein.

So ist er auch nicht da, als sich für die anderen plötzlich alles ändert, weil die Tür aufgeht. Aus heiterem Himmel betritt Jesus die geschlossene Höllengesellschaft, die außer sich selbst niemanden sieht und deshalb jeden fürchtet.

Jesus ist da und lässt alle seine Wunden sehen. Warum sollte er sie auch verbergen? Vielleicht hören sie deshalb auf, aufeinander herumzuhacken. Sie sehen in den Wunden Jesu ihre eigenen. Sie sehen sich als Menschen, denen etwas weh tut. Jedem auf seine Art.

Alle merken, wie sie darauf angewiesen sind, mit einem verständnisvollen Blick angesehen zu sein.

Kleiner Raum, ganz weit

Für den ein oder anderen ist dieser Moment wie ein Erwachen aus einem Alptraum. Nichts mehr unter den Teppich kehren oder die Welt da draußen von sich fern halten müssen. Plötzlich wird der kleine Raum ganz weit.

Da kommt Thomas zurück. Er hatte das Weite gesucht, aber die Weite nicht gefunden. Nun steht er da und versteht die veränderte Atmosphäre noch nicht. Vielleicht denkt er: „Immer bin ich derjenige, der außen vor bleibt.“

Dieses Mal können die anderen Jünger seine Unsicherheit aushalten. Obwohl das manchmal schwer ist, wenn einer immer nur negativ reagiert, an allem herumzweifelt und nicht nur gelegentlich spottet. Heute aber sind sie anders, weil Jesus da ist – mit seinen Wunden, seiner ganzen Offenheit. Durch Jesus merken sie: Thomas gehört zu uns – auch mit seinem ewigen „Dagegen-sein“. Die Zeit der geschlossenen Türen und der Höllengesellschaft ist vorbei.

Da vernimmt Thomas leise Worte, die nur für ihn gedacht sind: „Trau dich, an meinen Wunden zu rühren.“ Jesus sagt sie – und in ihnen steckt ein Stück Himmel auf Erden.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche mit offenen Türen und Herzen!

Antje Pollack, Pfarrerin in Neckarhausen