Mannheim

Nachruf Holocaust-Überlebende Amira Gezow verstorben

Eine der letzten Zeitzeuginnen

Archivartikel

Die traurige Nachricht kam zum Jahresende. Amira Gezow, die als Charlotte Siesel geboren wurde, starb an den Folgen einer Covid-19 Infektion in Israel. Als Elfjährige wurde sie 1940 mit ihren Eltern aus Mannheim nach Gurs deportiert. Erst 50 Jahre später nahm sie wieder Kontakt zur Stadt ihrer Kindheit auf und folgte einer Einladung der Stadtverwaltung. Seitdem setzte sie sich als Zeitzeugin ein. Vielen jüngeren Menschen berichtete sie eindrucksvoll und lebendig ihre Erlebnisse in der schrecklichen Zeit ihrer Jugend in Deutschland.

1934 kam sie zusammen mit ihren Eltern Walter und Ida Siesel und ihrer älteren Schwester Alice nach Mannheim. In der Neckarstadt, Mittelstraße 7, unterhielt die Familie eine „Mietwaschküche“, wohnte im Haus Nr. 18 und später in F 2, 10, wo heute Stolpersteine für ihre Familie verlegt sind. Ihr Vater Walter Siesel, der durch den Naziterror seine Arbeit verloren hatte, baute 1939 das Haus B 7, 3 zum jüdischen Altersheim um, wie er an seine bereits mit einem Kindertransport nach England emigrierte Tochter Alice schrieb.

Dann wurden die Eltern und sie nach Gurs verschleppt. Oft erzählte sie, wie ihr Vater sie, die Dreizehnjährige, in Rivesaltes 1942 aus dem Transportwagen stieß und sie damit vor der Fahrt ins Todeslager bewahrte. Hilfsorganisationen, das „Rote Kreuz“ und Mitglieder der französischen Resistance, versteckten Charlotte bei Familien in Grenoble, die sie gesund pflegten. In der Schweiz lebte sie bis zum Kriegsende und kam mit der Jugend-Aliya im Mai 1945 nach Palästina, wo sie im Kibbuz Eilon in Westgaliläa ein Zuhause fand. Dort lernte sie ihren Mann Zwi Gezow kennen, mit dem sie zwei Töchter und zwei Söhne hatte, denen viele Enkel und Urenkel folgten.

Sie engagierte sich im Kibbuz, der wegen seiner Mosaikproduktion berühmt ist. Für die in Eilon stattfindenden Musikfestivals betreute sie den Ankauf von originalen Musikdokumenten und ihre Archivierung. Amira war ein Sprachgenie. Neben Hebräisch verständigte sie sich spielend auf Englisch, Französisch, Arabisch und Deutsch. Sie konnte geistreich, spannend und humorvoll erzählen. Scharfsinnig setzte sie sich mit der Vergangenheit auseinander. Für das Israelische Museum und Archiv Lochme Ha Getaot übersetzte sie deutsche Dokumente auf Hebräisch, wodurch viele Familien Einzelheiten über das Schicksal ihrer Vorfahren erfuhren. Und nicht nur in Mannheim, auch im Freiburger Raum und in Israel trat sie vor Schulklassen auf.

Der Schmerz über die Ermordung ihrer Eltern in Auschwitz begleitete sie ein Leben lang. Sie war dankbar über ihr langes, erfolgreiches Leben in Israel, über ihre große Familie. Doch, wie sie sagte, bei aller Freude darüber sei sie im Grunde immer noch das kleine Mädchen, das seine Eltern auf dem Zug nach Auschwitz zum letzten Mal gesehen hat. Mit vielen Mannheimer Familien hielt sie enge Freundschaften. Ihnen teilte sie vor Monaten ihre Trauer über gute Bekannte mit, die am Coronavirus verstorben waren: „Ich bin ganz und gar nicht mehr, wie ich vor der Corona war.“ Dann traf es ihre eigene Familie und sie selbst. Sie erholte sich davon nicht mehr.

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