Mannheim

Verkehr Regina Güntert bricht als einzige Haupthafenmeisterin Deutschlands in eine Männerdomäne ein / Aufgaben von Datenerfassung bis Bußgeldbescheide

Eine Frau regelt die Schifffahrt

Die Binnenschifffahrt ist eine Männerdomäne. Am zweitgrößten deutschen Binnenhafen in Mannheim hat aber eine Frau das Sagen: Regina Güntert. Die 52-Jährige ist die einzige Haupthafenmeisterin Deutschlands und hat alle eines Besseren belehrt, die an das Sprichwort glauben: „Wer nicht im Stehen über Bord pinkeln kann, hat auf einem Schiff nichts zu suchen.“

Anfangs bekam die Tochter eines Partikuliers – das ist ein selbstständiger Schiffseigentümer – noch solche Sprüche zu hören, als sie 1982 als erstes Mädchen auf der Würzburger Schifferschule anheuerte. Als den Mitschülern klar wurde, dass die 15-Jährige ihnen im Unterricht voraus war, stieg der Respekt. „Die Jungen haben sich vor Klassenarbeiten von mir die schwierigen Aufgaben erklären lassen.“ Die praktische Unterweisung erhielt sie auf dem Frachtschiff „Jagsttal“ ihres Vaters.

Zwei Kontrollen täglich

Nach weiteren Ausbildungen bei der Hafengesellschaft Mannheim sorgt Güntert heute für einen geordneten Schiffsverkehr im Hafen, der mit 11,3 Millionen Quadratmetern Land- und Wasserfläche nach Duisburg in Nordrhein-Westfalen auf Platz zwei rangiert. „Hafenmeister kontrollieren zwei Mal täglich den Hafen, schauen, ob die Schiffe auch angemeldet sind, ob es etwa Probleme mit Schiffspersonal oder mit Müllablagerungen gibt“, erläutert die Frau mit blondem Kurzhaarschnitt unter der Schirmmütze. Außerdem erfasst sie die Daten der jährlich 7000 bis 8000 Schiffe, erstellt Statistiken sowie Alarmpläne und sieht Bauanträge durch.

Auch Bußgeldbescheide stellt Güntert aus – etwa für Menschen, die sich außerhalb der Straßen aufhalten. Hart geht das Hafenamt auch gegen Jachten vor, die ohne Erlaubnis in den Hafen einfahren. Zwischen sechs und zehn Privatleute jährlich bekommen deshalb eine Anzeige.

Wenn Güntert aus dem Bürofenster schaut, sieht sie einen ICE, der zum Hauptbahnhof braust, und Lastwagen, die Waren holen. Doch auf die rund 550 Kilometer Wasserstraßen auf Rhein, Neckar und Main in Baden-Württemberg passen noch viel mehr Waren. Und die seien laut Stuttgarter Verkehrsministerium bei Emissionen, Lärm und Eingriffen in die Natur zudem am günstigsten. Ein durchschnittliches Schiff mit einer Transportkapazität von rund 3000 Tonnen ersetze demnach 150 Lastwagen mit je 20 Tonnen Ladung. Binnenschiff und Schiene kommen zusammen aber nur auf ein Fünftel der Güter, die auf der Straße transportiert werden. Europaweit gibt es Überlegungen, die vorherrschenden Dieselmotoren von Schiffen durch innovative Antriebe auf Gas- und Wasserstoffbasis zu ersetzen.

Niedrigwasser schreckt ab

Güntert versteht nicht, warum der Staat die Binnenschifffahrt nicht besser fördert. „Subventionen gibt es für Bahn und Straße, aber die Schifffahrt führt ein Nischendasein.“ In den Niederlanden sei das anders. Dort gebe es leichter Kredite und Fördermittel. Nicht umsonst stellten die Niederländer die Mehrzahl der Schiffer auf dem Rhein.

Die Zurückhaltung in Deutschland erklärt die Neckarsulmerin mit Unwägbarkeiten des Wasserwegs. „Die Allermeisten haben Angst, dass Schiffe wegen Hochwasser oder heutzutage eher Niedrigwasser nicht ankommen.“ Das extreme Niedrigwasser hat 2018 Mängel im deutschen Wasserstraßennetz deutlich gemacht. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt hatte damals gefordert, wenn vermehrt auf die Schifffahrt gesetzt werde, müssten Fahrrinnen vertieft, Schleusen instand gehalten und verlängert sowie Engpässe beseitigt werden. Auch in Mannheim waren die Folgen des Niedrigwassers zu spüren. Der Gesamtumschlag betrug 2017 noch 9,6 Millionen Tonnen und sank ein Jahr später auf 7,4 Millionen. Im Vergleich zu 2018 war 2019 aus Sicht von Hafenmeisterin Güntert wieder ein relativ gutes Jahr: „Der Rhein war ganzjährig zu befahren, auch wenn nicht alle Schiffe voll beladen fahren konnten.“ (dpa)

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