Mannheim

„Eine kleine Revolution“

Archivartikel

Neidisch blicken die Mannheimer oft auf Stuttgart und Karlsruhe. Dort gibt es Staatstheater, deren Sanierung das Land mitfinanziert. Die Quadratestadt hatte aber, was oft vergessen wird, auch ein Staatstheater – bis es 1839 die Kommune nach heftigem Streit mit dem Großherzog an sich zog, die Bürger selbst die Leitung übernehmen wollten.

Bei dem Thema kann Liselotte Homering richtig bitter werden. Vier Jahre ist es her, doch noch heute reagiert sie sauer darauf. „Manche Jubiläen kann man zur Not begehen, aber feiern muss man sie nicht“ schimpft dann die Abteilungsleiterin Theater- und Literaturgeschichte der Reiss-Engelhorn-Museen über die Feierstunde „175 Jahren Kommunalisierung des Nationaltheaters Mannheim“ im Juni 2014. Eine begleitende Ausstellung wollte sie damals ganz bewusst nicht machen.

Schließlich habe es sich beim Nationaltheater „von Anbeginn an bis 1839 um ein stattliches, erst kurpfälzisches, dann badisches Staatstheater“ gehandelt. „Dass man es sich vor der Mitte des 19. Jahrhundert glaubte leisten zu können, den Staat auszubooten, lag an der damaligen brisanten wirtschaftlichen Entwicklung“, so Homering. „Dass man dann auch noch 50 Jahre ohne Intendanten hinkam, gehört zu den Einmaligkeiten der Mannheimer – und darüber hinaus – Theatergeschichte“, so die Expertin. Ein Kapitel der Mannheimer Theatergeschichte freilich, das kaum jemand präsent hat.

Doch was genau ist 1839 – und davor – passiert? Es war „nichts anderes als eine kleine Revolution“. So jedenfalls beschreibt es Claus-Helmut Dreese (1922-2011), 1952 bis 1959 Chefdramaturg des Mannheimer Nationaltheaters und danach Intendant an vielen Bühnen der Welt, zuletzt an der Wiener Staatsoper, im Festbuch „350 Jahre Mannheim“.

Ein Landesvater ist es, der das Mannheimer Theater 1779 gründet – Kurfürst Carl Theodor. Es soll Abschiedsgeschenk und Trost für die Mannheimer sein, dass er mit seinem Hof nach München zieht, um das bayerische Erbe anzutreten. Auch wirtschaftlich soll es der Stadt helfen – ein Theater bedeutet damals Zuzug reicher Bürger oder zumindest das, was man heute Kulturtourismus nennt. „Churfürstliches National-Theater“ heißt das Haus bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, teils „Hof- und Nationaltheater“.

Doch dann kommen Napoleon, die politischen Umwälzungen in Europa, 1803 der „Reichsdeputationshauptschluss“ und damit das Ende der Kurpfalz in der alten Form. Mannheim fällt an das neue, große Land Baden. Dessen Großherzog bestätigt den Rang des Mannheimer Hauses als „Hof- und Nationaltheater“ – obwohl es solch eine Einrichtung ebenso in Karlsruhe gibt. Zeitweise wird gar erwogen, die beiden Theater abwechselnd zu bespielen.

Dagegen können sich die Mannheimer zwar erfolgreich wehren. Laut Dreese fällt das „Großherzogliche Hof- und Nationaltheater“ aber „in einen biedermeierlichen Dornröschenschlaf“. Die „nachlässige und wenig kunstverständige Geschäftsführung der adligen Hoftheaterintendanten führt zu immer neuen Krisen“, so Dreese. Aber abgesehen von inhaltlichem Streit – es gibt noch viel mehr Konfliktpunkte, die zum eigenständigen kommunalen Theater führen. Der bekannte Historiker Lothar Gall („Bismarck“) nennt sie 1989 eine „förmliche, auch institutionelle Besitznahme der Kultur durch die Bürger“. Clemens Zimmermann hat die Schritte dorthin 1992 für die Schrift „Mannheim im Umbruch“ vom Institut für Landeskunde und Regionalforschung der Universität Mannheim aufgearbeitet und in einen größeren Zusammenhang gestellt.

So arbeitet er den Gegensatz zwischen dem vom Karlsruher „Hofkomissär“ beaufsichtigten, der Zensur unterstehenden Hoftheater und dem liberalen Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum Mannheims heraus. Hinzu kommt, dass in Mannheim (im Gegensatz zu Karlsruhe) dank Traktor-Fabrikant Heinrich Lanz auch viele Arbeiter zum Publikum zählen. Und das Haus in B 3 (den Rosengarten gibt es ja noch nicht) ist nicht nur Theater, in dem 1450 Menschen fassenden Saal finden auch Bälle, Feste, Feierlichkeiten, schließlich im Vormärz politische Kundgebungen statt.

Komitee statt Intendant

Während anfangs der neue Badische Staat aber keinen Zweifel daran lässt, dass er – im Gegensatz etwa zu anderen einst kurfürstlichen Institutionen – das Nationaltheater weiter finanziert und 1803 dessen Schulden komplett in die Badische Staatsschuld integriert, spitzt sich der Streit immer mehr zu. 1817 überträgt das Land bisher staatliche Steuern auf Kräne und Lager im Hafen auf die Stadt, die im Gegenzug mehr für das Theater zahlen muss.

Ab 1817 beginnt zugleich ein Nebeneinander – ein Intendant, zwei „landesherrliche Kommissare“ und zwei städtische Beamte führen das Haus. Es folgen Streit, persönliche Querelen. Mal pocht das Land auf seine Hoheit, mal will das Land das Theater loswerden. 1837 möchte die Stadt das Theater daher lieber ganz in die Hand des Landes geben. Andererseits wachsen in dem durch die Industrialisierung wohlhabenden Bürgertum, von denen einige zur liberalen Opposition zählen, die Ansprüche an das Repertoire.

Am 16. April 1839 folgt dann der Beschluss: Das Theater behält den Titel Hoftheater, wird aber „Gemeindeanstalt“ mit alleiniger Verantwortung der Stadt für Schulden und Kosten. Die Leitung nehmen die Bürger selbst in die Hand, setzen ein dreiköpfiges, ehrenamtliches Komitee ein, dem ein „Oberregisseur“ untersteht. Dieses „einzigartige, in dieser Form auch nur in Mannheim mögliche Regiment“, betont Dreese, besteht bis Juni 1890.

Während die Stadt jährlich 31 500 Gulden zahlt, leistet der Badische Staat weiter einen Zuschuss von 8000 Gulden. 175 Jahre später, 2014, wird das als „ein kräftiges Zeichen des bürgerlichen Freiheitswillens“ und „Ausdruck selbstbestimmter Bürgerlichkeit“ gefeiert. Jetzt, wo die mögliche Generalsanierung ansteht und die Stadt auf Landeszuschüsse hofft, wäre man gerne wieder „Hoftheater“. Aber auch ohne diesen Titel hat der Großherzog sich 1853, als eine große Sanierung des Theaters in B 3 anstand, engagiert: Die Stadt zahlte 150 000 Gulden, der Staat steuerte 50 000 Gulden dazu.