Mannheim

Nationalsozialismus Moll-Gymnasium erinnert an tausend Opfer von Zwangssterilisationen / Ämter, Ärzte und Richter veranlassten Operationen auch in Mannheim

Eine Stadt mit mehr als einem Tatort

Archivartikel

„Vielleicht mussten die Gene ja weg.“ Das war einer der wenigen Sätze, mit denen Ilse Klußmann beschrieb, was die Nationalsozialisten ihr am 18. November 1936 angetan hatten. Im Alter von 20 Jahren wurde Klußmann in Mannheim zwangssterilisiert. Nach dem Eingriff wurde sie von ihrer Hochschulausbildung ausgeschlossen, ihr Partner löste die Verlobung. Veronika Wallis-Violet, Mitglied im Arbeitskreis Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus in Mannheim, erzählt diese Geschichte am Mittwochvormittag bei einer Podiumsdiskussion vor den Schülern der neunten Klassen und der Jahrgangsstufen eins und zwei des Mannheimer Moll-Gymnasiums.

Dieser besondere Schultag unter dem Motto „Gesichter zeigen“ ist Teil der Patenschaft für das Mannheimer Mahnmal für die Opfer von Zwangssterilisation in der NS-Zeit, die das Gymnasium für dieses Schuljahr übernommen hat. „Es ist wichtig, dass wir uns an diese schreckliche Zeit erinnern. Und zwar auch hier im kleinen Kreis“, sagt Schulleiter Gerhard Weber. Das Mahnmal, ein gelblicher Würfel bestehend aus tausend kleineren Würfeln, wandert seit 2013 alle zwölf Monate an einen anderen Standort in Mannheim. Derzeit befindet es sich vor dem Eingang der Hochschule auf dem Almenhof. Tausend Würfel – sie stehen für tausend bekannte Opfer in Mannheim, die von Zwangssterilisation betroffen waren. 350 00 bis 400 000 Menschen sind es in ganz Deutschland. 1933 erließen die Nationalsozialisten das „Gesetz zu Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Es wurden eigene Gesundheitsämter und gerichtliche Instanzen geschaffen, die darüber entschieden, wer in das Raster der „Minderwertigen“ fiel und damit die „erbgesunde Rasse der Arier“ gefährden würde, wie es die Nationalsozialisten formulierten. Blindheit, Depression, Homosexualität oder sogenannter Schwachsinn waren nur einige der vorgeblich wissenschaftlichen Diagnosen, die zu einer Sterilisation führen konnten. Ein solches Gericht, das über die jeweiligen Fälle entschied, habe es auch in Mannheim gegeben, sagt Louisa van der Does, Historikerin am Mannheimer Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Drei der heutigen Krankenhäuser seien für die angeordneten Operationen zugelassen gewesen. Das mache Mannheim zu einer Stadt mit mehreren Tatorten – und das wandernde Mahnmal, entworfen von Michael Volkmer, sorge dafür, dass keiner von ihnen vergessen werde.

Wallis-Violet hatte das Mannheimer Mahnmal im Jahr 2012 mit initiiert. Die Patenschaft der Schulen, die sich dadurch ein Jahr lang mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen, hält sie für extrem wichtig: „Wir müssen alle verstehen, dass diese schrecklichen Dinge nur passiert sind, weil alle wie in einem Räderwerk zusammengearbeitet haben. Man muss sich immer fragen: Ist das richtig, was ich gerade tue? Das sollten auch die jungen Leute von Beginn an lernen.“ Gerade in Zeiten, in denen Menschen darüber entscheiden müssten, ob gut integrierte Familien aus Deutschland abgeschoben werden sollen, gewinne dieses Bewusstsein wieder an Bedeutung, findet sie. „Da sollte man überlegen, handele ich in einem System, das richtig liegt, oder habe ich einen Handlungsspielraum, den ich nutzen kann“, sagt sie.

Über 10 000 Morde in Grafeneck

Erinnern, damit sich solche Verbrechen, wie sie in der NS-Zeit an der Tagesordnung waren, nicht wiederholen. Dafür kam auch Thomas Stöckle ins Moll-Gymnasium. Der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck bringt die Wanderausstellung „Grafeneck 1940 – Geschichte“ mit, die bis zum 20. März in der Schule zu sehen sein wird. 10 654 Männer, Frauen und Kinder wurden 1940 in der Behinderteneinrichtung Grafeneck ermordet. „Auch hier waren es vor allem Opfer, die unter psychischen Erkrankungen litten oder von denen es behauptet wurde“, berichtet er.

Zwei Schüler der Jahrgangsstufe eins führen durch die Podiumsdiskussion. Marlene Kleefeld und Felix Beeg kommen in ihren Fragen an die Expertenrunde auch immer wieder auf den Aktualitätsbezug der Vorfälle aus der NS-Zeit zurück. Man brauche dabei nur an Pränataldiagnostik zu denken, sagt Inka Briese, Lehrerin am Moll-Gymnasium. „Bluttests, die vor der Geburt klären sollen, ob das Kind mit einer Behinderung zur Welt kommt, sagen ziemlich viel darüber aus, wie wir Behinderungen heute bewerten“, findet sie.

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