Mannheim

Interview Feudenheimer Hartmut Söhle über die Journalistin Mesale Tolu, Kundgebungen auf dem Paradeplatz und langjährige Überzeugungsarbeit

„Eine Unterschrift hat noch niemandem geschadet“

Demonstrationen auf dem Paradeplatz, Briefe an die früher in der Türkei inhaftierte Journalistin Mesale Tolu und viel Aktionismus – seit 43 Jahren macht sich Hartmut Söhle als ältestes Mitglied in der Mannheimer Gruppe von Amnesty-International für Menschenrechte stark. Bis heute ist er überzeugt davon, dass Briefe etwas bewirken können.

Herr Söhle, was hat Sie 1976 dazu bewegt, sich Amnesty International anzuschließen?

Hartmut Söhle: Die Motivation ist immer die gleiche: Da ist das Gefühl der Ungerechtigkeit, das man nicht mehr ertragen kann – und etwas dagegen tun muss. Ausgelöst hatten das bei mir damals die menschenrechtsverachten Militärregime weltweit wie Griechenland, Naher Osten und Südamerika, später der Tod von Elisabeth Käsemann. Die deutsche Aktivistin war von der argentinischen Militärdiktatur verschleppt, gefoltert und getötet worden. Mitschuld daran war die Bundesregierung, die sich nicht genug für ihre Freilassung eingesetzt hatte.

Wie haben Sie sich in Mannheim für Menschenrechte eingesetzt?

Söhle: Wir haben Lesungen veranstaltet, ehemalige Gefangene wie den Deutsch-Türken Mehmet Desde oder den israelischen Botschafter eingeladen. Oder mit Kunstaktionen Geld und mit einen Stand auf den Planken Unterschriften gesammelt. Und natürlich politischen Gefangenen Briefe geschrieben.

Glauben Sie an die Kraft der Briefe?

Söhle: Auf jeden Fall! In 40 Prozent der Fälle führen sie zu einer Freilassung oder Verbesserung. Dass solche Papierfluten den Gefangenen unendlich viel Hoffnung spenden, hat die Journalistin Mesale Tolu selbst bestätigt, als sie zu Gast in Mannheim war. Sie hatte am Ende so viele Briefe erhalten, dass die Wärter sie nicht mehr vorher lesen konnten, wie sonst üblich. Das ist ein sehr starkes Signal.

Gibt es Probleme, Leute von ihrer Arbeit zu überzeugen?

Söhle: Meistens beim Sammeln von Unterschriften. Einige stören sich daran. Dabei können Petitionen sehr viel bewirken, Druck auf Länder ausüben. Eine Unterschrift hat noch niemandem geschadet.

Welche Aktion ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Söhle: Eine Kundgebung 1982 am Paradeplatz für über 500 verschwundene Kinder aus Argentinien. Ihre Großmütter waren auf der Suche nach ihren Enkelkindern und haben dort gesprochen. Die Idee dahinter: Betroffene einladen, die vor Ort berichten. Das macht Schicksale greifbarer, denn manche interessieren sich erst dann dafür.

Das Interview wurde Hartmut Söhle vor Abdruck zur Autorisierung vorgelegt.

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