Mannheim

Amtsgericht 48-Jährige muss nach tödlichem Verkehrsunfall Geldbuße zahlen

Emotionen kochen hoch

Archivartikel

Nach fast genau zwei Stunden Verhandlung spricht Staatsanwalt Werner Mägele im Amtsgericht den Satz, der das Geschehen vom 9. Juni 2016 zusammenfasst: „Was hier geschehen ist, war ein grausamer Zufall.“ Die 48-jährige Angeklagte beginnt zu nicken, blickt gedankenvoll ins Leere. Das Verfahren gegen sie endet schließlich glimpflich. Durch die Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 6000 Euro wird es eingestellt.

Dabei stehen am Morgen die Zeichen zunächst auf Konfrontation: Verteidiger Peter Möller liefert sich noch vor der Verhandlung den ersten Disput mit Richterin und Staatsanwaltschaft – und auch seine Mandantin präsentiert sich uneinsichtig. Ja, sie habe am Morgen des 9. Juni von der Carl-Benz-Straße links in die Max-Joseph-Straße einbiegen wollen, doch habe sie gehalten, umsichtig den Verkehr beobachtet, um plötzlich „aus dem Nichts“ den Wagen im Gegenverkehr zu erblicken.

Zeugin leidet noch an Folgen

Dass dieser nach einer Kollision mit deren Fahrzeug erst einem Ampelmast rammte und danach eine Radfahrerin schwer sowie eine Fußgängerin tödlich verletzte, habe sie zunächst nicht gemerkt. Die Verantwortung für die Unfallfolgen weist sie mit deutlichen Worten zurück: „Wenn ich eine andere Unfallgegnerin gehabt hätte, wäre das anders ausgegangen.“ Mit dieser Aussage bringt die Mannheimerin nicht nur die Angehörigen der Verstorbenen im Saal auf den Plan, die sich empörte Zwischenrufe kaum verkneifen können, auch die Zeugen können die Version der Angeklagten nicht bestätigen.

Dass die 48-Jährige angehalten haben wolle, als sie den nahenden Gegenverkehr kommen sah, sieht auch die Unfallgegnerin deutlich anders. Sie gibt das dramatische Geschehen in einer emotionalen Aussage zu Protokoll. Am ganzen Leib zitternd erklärt die heute 40-Jährige, die nach Angaben des Staatsanwalts an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, sie sei auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch gewesen, als das für sie „Unfassbare“ geschah. Mit angepasster Geschwindigkeit und bei trockener Straße sei sie in der Carl-Benz-Straße geradeaus gefahren und völlig geschockt gewesen, als die Angeklagte „einfach ohne zu bremsen“ abbog.

Von der ersten Kollision „völlig schockiert“ habe sie noch versucht, das Fahrzeug zu kontrollieren, als sie mit dem Ampelmast zusammenstieß, ihn „wie ein Streichholz“ umknicken sah und beobachtete wie er eine Frau unter sich begrub. Unter Tränen schildert die Zeugin, wie sie gemeinsam mit anderen das Fahrzeug hochgehoben habe, um die Frau zu befreien. Später habe sie erfahren, dass die Frau in der Klinik verstorben sei. Der zuletzt vernommene Ehemann der Verstorbenen schildert schließlich, das Leid, das der Unfall über die Familie brachte: „Unser Sohn war damals neun Jahre alt – und noch heute vermisst er seine Mutter sehr.“

Es ist genau diese Tragödie, die offenbar auch die Richterin dazu bewegt, auf die bisher nicht vorbestrafte Angeklagte zuzugehen. Niemand werfe ihr „böse Absicht“ vor, jedoch müsse sie zu ihrem Handeln stehen, sagt die Vorsitzende: „Ein Fahrfehler, wie Sie ihn begangen haben, kann jeden Tag jedem passieren, aber die Folgen hier waren erheblich.“ Für die 48-Jährige mag ihr Einlenken, das zur Einstellung des Verfahrens führte, ein Neustart sein – die Angehörigen auf der Besucherbank dagegen kommentieren den Ausgang verächtlich: „6000 Euro für ein Menschenleben.“