Mannheim

Marchivum Auftakt der Serie History-Lab über die NS-Zeit

Enkel von Tätern und Opfern

Aufgewachsen in der Nachbarschaft von Eichmanns Sekretärin und Himmlers Fahrer, in der man sich zugleich über die düstere Vergangenheit ausschwieg: Rainer Höß ist Enkel des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Er berichtete am Wochenende von seinem Werdegang – und der macht Menschen ihm gegenüber oft sprachlos. Im Marchivum sprach er im Rahmen der dreitägigen Veranstaltung „Enkel der NS-Zeit im Dialog“. Sie bildete den Auftakt zur Reihe History-Lab, mit dem Stadtarchiv Wissen über die Vergangenheit mal ganz anders vermitteln möchte.

Lange habe er nicht gewusst, dass sein Großvater eben jener Kommandant des Vernichtungslagers war: Der Vater habe ihm erklärt, dass ein Schreibfehler vorliege und es sich tatsächlich um Rudolf Heß handle. Um aufzuklären, besucht Rainer Höß heute jedes Jahr rund 120 Schulen. Nach Mannheim kam er gemeinsam mit Gerald Sander, dessen Großmutter Sophie Stippel in Auschwitz inhaftiert war – und damit in eben jenem Konzentrationslager, in dem Höß’ Großvater von 1940 bis 1943 kommandierte.

Als Dienstmädchen überlebt

Sophie Stippel wurde 1892 geboren. Wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas wurde sie in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert. In Auschwitz wurde sie Dienstmädchen im Haushalt des Kommandanten, den sie aus Mannheim kannte. Sie überlebte und starb erst 1985. Ihr Enkel Gerald Sander arbeitete die Geschichte seiner Großmutter auf. Sander gehört der Mannheimer Nachkommengruppe um Gründer Jörg Watzinger an. Regelmäßig treffen sich hier Nachkommen von Verfolgten des NS-Regimes.

Im Rahmen der Marchivum-Veranstaltung wurde auch der Film „Enkel“ gezeigt. Er porträtiert Rainer Höß und eine Holocaust-Überlebende, die den Enkel das Auschwitz-Kommandanten im Jahr 2014 symbolisch adoptiert hatte. Bei einer szenischen Lesung wurden zudem Briefe und Selbstzeugnisse von Sophie Stippel und ihrer Familie öffentlich gemacht, bei einem Gesprächsabend drehte sich alles um das Enkel-Sein von Tätern und Opfern – und darüber, wie der Lebensweg der Großeltern das eigene Leben beeinflusst hat. stk/lok

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