Mannheim

Es geht um uns alle

Archivartikel

Die Corona-Krise treibt mitunter recht merkwürdige Blüten. In dieser Woche wurde mir glaubwürdig eine Geschichte aus einem Einkaufszentrum berichtet, dessen Verladestation defekt war. Die Lastwagen mit dem dringend benötigten Nachschub konnten nicht an das Lager des Ladens heranfahren, sondern die Paletten mussten mit Handwagen in das Lager gebracht werden. Als die Palette mit dem Toilettenpapier in das Lager geschoben werden sollte, stürzten plötzlich von allen Seiten Leute herbei, die das gesehen hatten, rissen die Packungen stapelweise von den Paletten, luden sie in ihre Autos und fuhren davon, ohne zu bezahlen. Eine regelrechte Plünderung – von Toilettenpapier! Kein Satiriker hätte sich das besser ausdenken können.

Die Szene zeigt ziemlich drastisch, woran unsere Gesellschaft krankt. Man kann das Coronavirus mit den Augen der Ärzte, der Wirtschaftsweisen oder der Politiker betrachten, aber eben auch mit den Augen des Glaubens. Und da liegt mir die Frage auf der Seele: „Gott, was willst du uns damit sagen?“ Es scheint, dass unser Schöpfer den Finger genau auf unsere Wunden legt und uns zeigt, womit wir nicht mehr weitermachen können wie bisher: unsere überzogenen Mobilitätsvorstellungen, das unbegrenzte Wachstum, die Lust am Wohlstand und dem Vergnügen – und dass sich jeder selbst der Nächste geworden ist.

Niemand von denen, die die Klopapierpackungen von den Paletten gerissen haben, hat in dem Moment auch nur einen Gedanken an seinen Nächsten verschwendet, der jetzt gerade im Laden steht und genauso gern eine Packung dieses unverzichtbaren Gebrauchsgegenstandes gehabt hätte. Die Szene war symptomatisch für eine Gesellschaft, in der nur noch das einen Wert hat, „was mir was bringt“. Mir. Hauptsache ich.

Falsch verbunden

Der Apostel Paulus schreibt in der Bibel in seinem Brief an die Philipper: „Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen!“ (Philipper 2,4). Das war damals nicht weniger provozierend als heute. Wir haben dafür ein eigenes Wort: Solidarität. Solidarität ist, wenn ich das, was dem anderen nützt und hilft, in den Fokus meines Handelns stelle. So, wie Jesus Christus das, was uns nützt und hilft, in den Mittelpunkt seines Handelns gestellt hat, als er am Kreuz auf sein Leben verzichtete, um uns zu retten und mit Gott zu versöhnen. Es scheint, als ob uns Gott ziemlich unsanft auf den Boden dieses uralten christlichen Wertes herunterholen würde. Vom Wiedererlernen dieser Tugend hängt nämlich gerade das Leben von Tausenden ab.

Wie oft habe ich das gehört: „Macht doch nichts, wenn ich Corona kriege, ich gehöre nicht zur Risikogruppe. Deshalb kann ich ruhig mit Freunden unterwegs sein, während alle anderen Panik schieben.“ Falsch verbunden! Es geht nicht um dich. Es geht um deinen Nächsten, der eine Krebserkrankung überstanden hat, den die aus Versehen ansteckt, die du aus Versehen angesteckt hast. Dem nützt und hilfst du, wenn du zu Hause bleibst, obwohl das Virus dir selbst vielleicht nicht schaden würde. So müssen wir denken.

Solidarisches Handeln bedeutet, dass jeder Einzelne von uns Verantwortung übernimmt für seinen Nächsten, auch wenn uns das etwas kostet. Das hat uns stark gemacht, und es wird uns auch in dieser Zeit stark machen. Möge Gott uns darin segnen!

Gerrit Hohage, Evangelische. Bonhoeffergemeinde Hemsbach

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