Mannheim

„Es kommt auf die Einbettung an“

Archivartikel

Angela Hermens, Diplom-Psychologin für Kinder- und Jugendpsychotherapie

Frau Hemens, ist das Grauen in einem „Zirkus des Horrors“ ein Problem, das bei Kindern zu Ängsten führen kann?

Angela Hermens: Entwicklungspsychologisch halte ich die Konfrontation von jüngeren Kindern mit bildlich dargestellten Horrorfiguren für sehr bedenklich. Denn wenn ein Märchen vorgelesen wird, ist es das Wort, das gilt. Wenn gruselig kostümierte Gestalten mit Fratzen, Blut und Narben als konkrete Bilder auftauchen, wird der Fantasie vorgegriffen und das können Kinder unter sechs Jahren kaum einordnen. Das sehe ich tatsächlich sehr kritisch, weil bei so jungen Menschen die Grenzen zwischen Fantasie und Realität fließend sind.

Der Schrecken ist also tatsächlich eine Sache des Alters?

Hermens: Das kann man durchaus so sagen. Etwa ab zwölf Jahren lässt sich so etwas wie eine Phase des Horrors und Nervenkitzels feststellen, in der Stephen-King-Romane gelesen werden, die ersten Computerspiele hinzukommen und das grauenhaft Fantastische einen gewissen Kick bedeutet, der dann erfreulich erschreckend sein kann und auch sein darf. In diesem Alter haben wir es dann aber schon mit jungen Menschen zu tun, die damit umgehen können und verstehen, was sie sehen, hören und lesen.

Apropos Verantwortung: Welche Rolle spielen denn die Eltern bei diesem Thema?

Hermens: Eine absolut zentrale. Ich würde eine Gruppe Kinder oder Jugendliche ganz sicher nicht ohne Begleitung in eine solche Aufführung schicken. Auch, wenn ich nicht weiß, wie grauenhaft der „Zirkus des Horrors“ wirklich ist: Es kommt auf die Einbettung dessen an, was da geschieht. Ich bin überhaupt nicht gegen solche Inszenierungen an sich – ich wäre aber dagegen, jungen Menschen mit einer Deutung dazu alleine zu lassen. Wenn Eltern und Aufsichtspersonen sensibel vermitteln, geben wir Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich souverän ihre eigene Meinung zum Gesehenen zu bilden und sich dem entweder weiter zu widmen, wenn sie es mögen, oder sich davon zu distanzieren. Da halte ich alle Möglichkeiten für legitim. mer (Bild: Hermens)

Das Interview wurde telefonisch geführt und dem Gesprächspartner zur Autorisierung vorgelegt.