Mannheim

Wort zum Sonntag Mannheimer Pfarrerin bezieht Stellung

„Es liegt an uns, wie es jetzt weitergeht“

Archivartikel

Ilka Sobottke, Pfarrerin der Citykirche Konkordien, warb in ihrem „Wort zum Sonntag“ in der ARD um „Vertrauen und Hoffnung“. Hier der Beitrag im Wortlaut:

„Ich finde eine Nachricht auf meinem Handy: Es ist früh am Morgen. ‚Christus dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht.’ Zeilen aus einem Lied, das wir an Ostern singen. Eine alte Dame schickt mir täglich solche Nachrichten. Ich weiß, sie betet für mich. Das tut mir gut in diesen aufgeregten Tagen. Ich telefoniere mit einer Frau aus der Gemeinde. Sie ist jetzt zuhause mit den beiden kleinen Kindern und dem Mann. Sie weint vor verzweifelter Wut: ‚Wie können diese Idioten jetzt so tun, als hätten sie Urlaub wegen Corona. Wir versuchen, irgendwie klarzukommen. Ich will meine Eltern schützen und die Schwiegereltern, die dürfen jetzt die Enkel-Kinder nicht treffen. Die Großmutter ist im Heim, wer weiß, ob wir sie noch einmal sehen? Und wenn die so weitermachen, dann dürfen bald wir nicht einmal mehr spazieren gehen! Dann wird es die Ausgangssperre geben.’

Es liegt an uns, wie es jetzt weitergeht. Wir können entscheiden, was dieser Virus mit uns macht. Wir können etwas Heiliges tun oder Unheil verbreiten. Jede und jeder einzelne und die ganze Gesellschaft. Wir können aus dieser Situation lernen: zusammenhalten, Maß halten, Innehalten, uns um einander kümmern. Mit einer Nachricht jeden Morgen. Mit einem Stück Kuchen und Blumen für die Nachbarn in Quarantäne. Mit dem nötigen Abstand beim Einkaufen. Und indem wir lernen, Wege der Kommunikation zu nutzen, die für so eine Ausnahmesituation geeignet sind: Briefe und Anrufe. Aber auch Telefonkonferenzen, Skypen, all das.

Viele werden zu modernen Heiligen. Die an der Kasse beim Drogeriemarkt, die jetzt dauernd wechselnde Kundenkontakte haben müssen. Die Pflegenden und Ärzte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Die Sozialarbeiterin die noch immer Familien zuhause besucht und dafür sorgt, dass die alleinerziehende Mutter für sich und die Kinder Essen bekommt. In Mannheim haben wir uns als Kirche Gedanken gemacht, wie wir Menschen helfen können, die jetzt allein und unversorgt sind.

Die Einrichtungen für Wohnsitzlose und andere Bedürftige verteilen Carepakete durchs Fenster. Jüngere gehen für Ältere einkaufen. Bisher sind da viel mehr Leute die helfen wollen, als die die Hilfe brauchen. Die meisten Älteren sagen mir: wir können uns sehr gut selbst versorgen! Aber nach und nach verstehen viele, wie wichtig es jetzt ist, sich zu schützen und genau dadurch alle anderen mit. Ich bin heilfroh dass ich in dieser Situation in unserem Land darauf vertrauen kann dass unsere Politiker und Politikerinnen besonnen handeln dass unsere Medien uns gut informieren, anders als ich das in anderen Ländern erlebe.

Diese Krise muss nicht zur Katastrophe werden, wenn es uns jetzt gelingt, Abstand zu wahren und genau dadurch für andere da zu sein. Für andere da sein heißt für mich: für einander beten. Für meine Lieblingsmenschen, für Freundinnen und Familie nah und fern, für alle in Not und besonders für die, die sich jetzt egoistisch und gleichgültig verhalten.

Wir Christen leben auf Ostern zu, gerade angesichts von Verzweiflung und Not. Wir leben auf den Sieg des Lebens über den Tod zu. Bei uns singen wir dann immer: ‚Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde und du sagst uns: auch ihr seid das Licht!’“


Zum Thema