Mannheim

Fasten kann ein Anfang sein

Archivartikel

Für manche fing sie am Mittwoch an, für andere beginnt sie am Sonntag: die Fastenzeit. Fleisch, Schokolade, Rauchen, Autofahren, Lügen – das alles kann man fasten. Die Absichten sind verschieden: abnehmen, gesünder leben, moralisch unantastbar werden. Kurz und gut: ein besserer Mensch werden. Für sieben Wochen. Die Erfahrung von vielen dürfte sein: „Geht doch! Es war nicht einfach, aber toll, dass ich es geschafft habe.“ Vielleicht wird einer von 100 aufgrund dieser einen Erfahrung alte Gewohnheiten langfristig ändern. In der Regel brauchen aber alte Gewohnheiten nicht lange, bis sie wieder zum Vorschein kommen.

Ich persönlich finde es ziemlich anstrengend, dauernd ein anderer, besserer Mensch werden zu sollen. Es ist ja nicht nur die Passionszeit einmal im Jahr, die diese Forderung an mich stellt. Auch Werbung oder Ratgeberliteratur jubelt mir permanent unter, dass ich noch erfolgreicher, entspannter, schöner und beliebter werden könnte. Oder, dass ich mit meinem Normalo-Leben weder zufrieden noch glücklich sein kann.

Das Leben fördern

So weit, so gut. Solche oder ähnliche Überlegungen kennen Sie sicher. Sie sind ja auch nicht alle falsch, Ratgeber sind von innen meist seriöser als von außen, und sieben Wochen keine Süßigkeiten zu essen, wäre in keinem Fall ein Schaden für Sie, sondern höchstens für den Händler und den Hersteller. Vom katholischen Theologen Ulrich Lüke lasse ich mir gern während dieser Überlegungen das Fasten als Anfang schmackhaft machen. Nicht als Verschönerungs- oder Verbesserungsmaßnahme, sondern als Bruch. Mit etwas aufhören, das das Leben behindert oder beschädigt. Meines oder anderes. Damit kann ich auch als evangelische Theologin viel anfangen: Leben fördern.

Womit Sie persönlich aufhören sollten, weiß ich natürlich nicht. Wenn ich an die Gesellschaft denke, fällt mir viel ein. Ihnen sicher auch. Sieben Wochen werden für eine Umkehr, ein Aufhören, ein Neuanfangen nicht reichen. So viel ist klar. Schon allein der demokratische Meinungs- und Entscheidungsprozess, womit zuerst aufgehört werden soll und wohin umgekehrt werden muss, wird nach meiner Einschätzung bis zum jüngsten Tag dauern.

Hass, Spott und Mitleid

Das Anfangen und Aufhören sollten wir ob dieser etwas aussichtslos scheinenden Lage nicht aus dem Blick verlieren. Wo wären wir heute, wenn Jesus seinen Weg nicht zu Ende gegangen wäre, wenn Gandhi nicht gehungert und Martin Luther King keinen Traum gehabt hätte? Wenn diese drei kein Aufhören gefordert und kein Anfangen gelebt hätten?

Wir bewegen uns in einem großen Spannungsbogen: Fasnacht, Aschermittwoch, Passion, Gründonnerstag, Karfreitag und schließlich Ostern – der Neuanfang. Es sind Extreme, von denen in der Bibel erzählt wird: Hass und Verrat, Gewalt und Spott, Enttäuschung und Angst, Mitleid und Beharrlichkeit, Freundschaft und Trost, Hoffnung und Freude. Nutzen Sie diese Wochen, um alten Wahrheiten und eigenen Erkenntnissen, alten Behauptungen und eigenem Lebenssinn auf die Spur zu kommen. Vielleicht entdecken Sie dabei etwas, womit Sie unbedingt aufhören müssen, etwas, das Sie unbedingt mit anderen und für andere anfangen wollen. Gott segne Sie dafür mit Mut und Fantasie.

Pfarrerin Maibritt Gustrau, Christus-Frieden-Gemeinde, Mannheim