Mannheim

Zeitzeuge Hermann Haetscher kämpft sich durch die Ruinen

Feuersturm fegt die Kindheit weg

Archivartikel

In Tollkühnheit hat er sich dem orkanartigen Feuersturm entgegengeworfen, sah, wie sich das furchtbare Glutmeer durch die Straßen wälzte, ganze Häuserzeilen im Lindenhof wegfraß: Die Schreckensnacht reißt den 88-jährigen Hermann Haetscher heute noch aus seinen Träumen, versetzt ihn in seinem bayerischen Altersruhesitz Hallbergermoos in Unruhe. Und immer wieder spult sich dieser Horrorfilm ab . . .

In die sternklare Nacht hinein schrillt plötzlich Vollalarm, und schon nähert sich die Luftflotte von „Bomber-Harris“, erhellt mit Leuchtgeschossen den Himmel. Alles rennt in den Meerfeldbunker, viele erreichen die Betonbastion gar nicht mehr. Der 13-jährige Hermann und sein Kumpel Armin Welsch, wollen gar nicht, sie suchen die Weihen deutschen Heldentums und bleiben im Haus an der Ecke Eichelsheimer-/Lindenhofstraße, warten im Luftschutzkeller auf die Entladungen der Royal Air Force. Minen knacken die Häuser, decken die Dächer ab, blasen die Fenster weg, bringen Mauern zum Einsturz. Die Jungen werden umgehauen von der Wucht der Detonationen. Holt sie jetzt der Tod?

Doch es wird ruhiger, und die Zwei trauen sich raus. Die Luft brennt, Feuer schlägt aus den Häusern, ein Inferno. Wie eine Fackel brennt eine Frau, die ihnen entgegenstürzt, sie reißen ihr die Schürze weg, sie rennt weiter. Die zwei Hitlerjungen sind wie von Sinnen, jagen die Treppen hoch, werfen Brandstäbe und Phosphorbomben aus dem Fenster. Als die Sirenen Entwarnung geben, tobt noch immer der Feuersturm, dröhnt wie ein Ungeheuer, Brandfetzen jagen durch die Gassen.

Am Haetscher-Haus hat es die Fassade weggerissen. In der Bellenstraße geben Verschüttete aus einem Keller Klopfzeichen. Retter kämpfen wie Verrückte, und können doch nichts ausrichten, der Phosphor versickert mit todbringender Glut. Dann herrscht Grabesstille. Und die Hitlerjungen bergen geschrumpfte Leichen. Für die in dieser Nacht Umgekommenen muss auf dem Hauptfriedhof ein eigenes Feld eingerichtet werden.

Bald ragen Ofenrohre aus den Trümmerbergen, die Ausgebombten hausen in den Steinhöhlen, umhuscht von Ratten, geplagt von tausend Ängsten vor dem nächsten Schlag. Der trifft die Haetschers schon am 23./24. September mitten ins Herz. Der Vater stirbt bei einem Luftangriff. 

Zum Thema