Mannheim

Podcast Tagrid Leménager bei „Mensch Mannheim“

Folge 13: Wie Angehörige mit der Smartphone-Sucht von Kindern umgehen können

Archivartikel

Mannheim.Es sind diesmal besonders lange Weihnachtsferien, und noch ist unklar, wie lange der Lockdown andauern wird. Die Pandemie schränkt den Aktionsradius von allen ein – vor allem aber von Jugendlichen. Das Smartphone ist für fast alle ein treuer Begleiter durch den Alltag, Social Media und Computerspiele ein probates Mittel gegen Langeweile. Die Flucht in digitale Welten kann allerdings zur Sucht werden, weiß Tagrid Leménager. Sie ist Psychologin und Forscherin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und leitet am ZI die Arbeitsgruppe Verhaltenssüchte.

Im Interview-Podcast „Mensch Mannheim“ erklärt Leménager, wie Angehörige ein Suchtverhalten eines Kindes erkennen und wie sie sich und ihrem Kind helfen lassen können. Sie sieht etwa Computerspielsucht eher als ein Phänomen bei Jungen. Sie sagt: „Zunächst sollte man sich fragen: Gehen mit dem Spielen negative Konsequenzen einher? Leiden der Betroffene selbst beziehungsweise die Angehörigen auf Dauer darunter?“ Sie ist allerdings auch überzeugt: „Ohne die Digitalisierung hätten wir jetzt wahrscheinlich erheblichere Probleme mit Isolation und Depressionen.“ Von daher wolle sie Spiele auch gar nicht so verteufeln. „Es ist wichtig, dass die Menschen aufgeklärt werden über einen gesunden Umgang – und dass sie sich fragen, wenn sie spielen: Wie geht es mir damit?“

Social-Media-Sucht sei dagegen mehr ein Mädchen-Thema. Bei „Attraktivitätskomponenten“ seien Frauen immer noch unter einem höheren Druck als Männer. Die soziale Vergleichbarkeit sei zudem höher bei Frauen. Die Psychologin erklärt, dass man Fotos etwa bei Instagram mit vielen anderen Applikationen bearbeiten und so ein „perfektes Selbst“ erschaffen könne.  Dies schaffe eine wesentlich höhere Diskrepanz zwischen dem, „wie ich gern wäre und dem, was ich bin“. Man habe auch herausgefunden, dass sogenannte Likes das Belohnungssystem ganz stark aktivieren.

Im Suchtbereich seien alle möglichen sozialen Schichten betroffen. Ganz viel hänge aber von der Sozialisation ab, etwa wie viel in einer Familie offen miteinander geredet  werde oder wie stark der Leistungsdruck sei.

Wie soll man also umgehen mit Menschen, die ein Abhängigkeitsverhalten zeigen? Es sei wichtig denjenigen, nie zu konfrontativ anzusprechen. Und sie gibt im Podcast Tipps, wie man jemanden behutsam erreichen kann. Es gebe allerdings fortgeschrittene Stadien, wenn jemand nur noch am Rechner sitze und nichts anderes mehr tue. Dann müsse man konfrontativ sein. Leménager betont, dass Angehörige sich Rat holen können bei den Suchtberatungsstellen von Caritas, Diakonie, Drogenverein und in der ZI-Ambulanz.

Und wie bleibt es friedlich in den ruhigen in den Familien? Leménager empfiehlt Rückzugsorte für jeden einzelnen, immer wieder frische Luft und Bewegung, aber vor allem Achtsamkeit mit sich selbst, etwa der Frage: „Was brauche ich jetzt gerade?“

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