Mannheim

Podcast "Verbrechen im Quadrat" Kriminalfälle in der Region

Folge 4: Kripo ermittelt nach Tratsch beim Friseur

Was geht Ermittlern am Tatort durch den Kopf? Wie laufen Obduktionen und Vernehmungen ab? Wann landen die Fälle am Gericht? In „Verbrechen im Quadrat“, dem Crime-Podcast des „MM“, öffnet Gerichtsreporterin Angela Boll gemeinsam mit den Hauptakteuren von damals noch einmal die Akten von Fällen aus der Region.

„Kurios“, so beschreibt Erhard Becker den Fall, um den es in Folge 4 von „Verbrechen im Quadrat“, dem Crime-Podcast des „Mannheimer Morgen“, geht. Es ist der 6. November 2002, als im Büro des Ersten Kriminalhauptkommissars das Telefon klingelt. Ein Kollege von der Staatsanwaltschaft meldet sich und serviert Becker eine Geschichte, die auch die Szene einer Krimi-Serie sein könnte. Der Staatsanwalt erzählt von seiner Kollegin, die am Tag zuvor in Mannheim beim Friseur saß. Eine andere Kundin, so habe ihr die Chefin beim Schneiden erzählt, sei überraschend gestorben. Wohlwissend, dass die Frisörin einer Staatsanwältin die Haare schön macht, plauderte sie zugleich einen Verdacht aus. Sie glaube, so lässt sie die Staatsanwältin wissen, dass da etwas nicht stimme. Die Verstorbene sei zwar schon 76 Jahre alt, aber topfit gewesen, und noch vor wenigen Tagen habe sie – ebenfalls beim Friseurbesuch – erzählt, dass sie von der Affäre ihres Mannes erfahren habe und ihn am Wochenende damit konfrontieren werde. Und nun ist sie tot. Das könne doch kein Zufall sein . . .

Erhard Becker ist nicht der Typ, der nach einem solchen Anruf gleich ein folgenschweres Ehedrama wittert. Im Podcast-Gespräch mit Gerichtsreporterin Angela Boll erklärt er seine Vorgehensweise – und die ist zunächst rein faktisch begründet: „Wenn es Hinweise gibt, dass etwas manipuliert sein könnte, müssen wir dem nachgehen“, so der Ermittler.

Obduktion nicht eindeutig

Becker weiß, dass es nun auf Fakten ankommt, auf Beweise, die ein mögliches Tötungsdelikt belegen. Und so geht er auch in diesem „kuriosen“ Fall strategisch vor, lässt zunächst in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft die Leiche obduzieren. Und zwar – und das erwähnt der Ermittler im Interview fast nebenbei – ohne den Ehemann der Verstorbenen zu informieren. Sozusagen in geheimer Mission wird die Leiche beim Bestatter abgeholt und in die Rechtsmedizin Heidelberg gebracht. Dort wartet bereits Kirsten Stein, die zusammen mit einer Kollegin die Obduktion durchführen wird. Stein arbeitet heute als öffentlich bestellte Gerichtsärztin. Für den Podcast „Verbrechen im Quadrat“ hat sie die Akte von damals noch einmal herausgekramt, um Details aus der Obduktion verraten zu können. Und beim Blick in ihre Unterlagen erinnerte sie sich auch schnell an den Auftrag von damals. Stauungsblutungen habe sie entdeckt – „ein Indiz für einen Angriff gegen den Hals“, erklärt sie im Podcast. Und ihre weiteren histologischen Untersuchungen ergeben: „Das Ereignis, das zu den Stauungsblutungen geführt hat, muss zu Lebzeiten der Frau entstanden sein.“ Aber was heißt das nun? Wurde die Frau getötet? „Es gab Indizien“, berichtet Stein, „aber keine Beweise.“

Erhard Becker ist enttäuscht, er hatte auf eindeutige Fakten gehofft. Während die Verstorbene zum geplanten Termin beerdigt wird, nimmt er mit seinem Team weitere Ermittlungen auf. Verdeckt, versteht sich, denn der Ehemann soll auch weiterhin nicht erfahren, dass die Polizei sein Umfeld ausleuchtet. Über einen Monat lang überwacht die Kripo Telefone und die ehemalige Wohnung des Ehepaars. Sie rekonstruiert die letzten Wochen der Frau, befragt Freunde, Bekannte, Ärzte.

Niemand, so berichtet Becker, habe damals verstehen können, dass die Frau so plötzlich verstorben sei. Noch am Abend vor ihrem Tod war sie mit ihrem Ehemann in einem Restaurant essen. Die Bedienung, sagt Becker, habe die Frau als „quietschfidel“ beschrieben. Die Ermittlertruppe hat in dieser Zeit immer den Hauptverdächtigen im Auge, längst wissen sie auch, dass es sich bei der Geliebten um eine Arbeitskollegin handelt, und dass sich die beiden weiterhin regelmäßig sehen. Aber auch nach einem Monat intensiver Recherche können die Beamten dem Mann nichts nachweisen.

Becker verrät im Podcast die neue Strategie: „Wir haben gehofft, dass wir weiterkommen, wenn wir den Mann mit den Vorwürfen konfrontieren.“ Anfang Dezember nehmen sie ihn deshalb fest und vernehmen den Mann gleich als Beschuldigten, nicht mehr nur als Zeugen. Doch die Reaktion ist anders als erwartet: „Er war cool.“ Noch verrät Becker in den Vernehmungen nichts von den vielen Erkenntnissen, die ihm bereits vorliegen, lässt den Mann einfach seine Geschichte erzählen. Demnach sei die Frau gestorben, nachdem der Mann sonntags das Haus verlassen habe.

Endlich ein Geständnis

Diesmal ist es ein „Bauchgefühl“, das Becker überzeugt, auf der richtigen Spur zu sein. Er lässt einen Kollegen eine zweite Vernehmung durchführen, ein Polizist, der bekannt ist für „seine einfühlsame Art“. Ohne Beweise legt der Beschuldigte plötzlich doch ein Geständnis ab und räumt ein, seiner Frau beim Massieren von hinten ein Kissen auf den Kopf gedrückt zu haben. Weil er von unten mit der Hand den Hals gegen das Kissen drückte, entstand die Verletzung, die Kirsten Stein bei der Obduktion entdeckt hatte. Jetzt passt alles zusammen!

In 40 Dienstjahren war das für Erhard Becker der einzige als natürlicher Tod ausgewiesene Fall, der sich als Tötungsdelikt entpuppte. Warum er jährlich rund 450 Todesfälle bearbeitet, und wieso bei jedem Arbeitsauftrag die Faktenlage zählt und nicht der erste Eindruck, so klar er auch sein möge, das erklärt Becker ausführlich bei „Verbrechen im Quadrat“.

Zum Thema