Mannheim

Stadtgeschichte Marchivum-Mitarbeiter haben völkische und antisemitische Strukturen der 1920er Jahre erforscht

Früher Judenhass gipfelte schon in Mord

Es ist ein „bedrückendes Kapitel der Geschichte unserer Stadt“, sagt Helen Heberer, die Vorsitzende vom Freundeskreis Marchivum. Beim virtuellen Freundeskreis-Abend hat es Marchivum-Mitarbeiterin Karen Strobel vorgestellt. Zusammen mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Brigitte Zwerger recherchierte sie über einen Mord im Jahr 1922 und die frühe völkische Bewegung in Mannheim – die umfassender war als gedacht.

Es sollte erst nur ein Aufsatz sein, „20 Seiten vielleicht“, dachte Strobel anfangs. Doch dann sei Zwerger auf Informationen zu einem Mord gestoßen. „Wir haben uns daraufhin auf eine umfangreiche Spurensuche gemacht“, so Strobel. Das Ergebnis ist die erste, 200-seitige und auf der Internetseite abrufbare kostenfreie Online-Publikation „Betrachtungen und Quellenstudien zur frühen völkischen Bewegung in Mannheim bis 1922“ mit zahlreichen Abbildungen. Gedruckt wurde sie bewusst nicht: „Es sind noch viele Fragen nicht beantwortet, die Forschung sollte weitergehen – und dann vielleicht eine Publikation ergeben“, so Strobel.

Endpunkt der Schrift ist der Mord. Er passiert am Abend des 22. Mai 1922. Da wird Sina Aronsfrau, ein 62-jähriger Mannheimer Kaufmann mit ostjüdischen Wurzeln, mitten in den Quadraten mit einer Armeepistole erschossen – hinterrücks in seinen Geschäftsräumen für den Verkauf von Wolle und Kurzwaren in H 1 am Marktplatz. Schon bald kommt der Verdacht auf, dass eine radikale antisemitisch-völkische Organisation dahinter steckt, denn gestohlen wird nichts. Erste Spuren führen zur Organisation Consul, auf die auch die Anschläge auf Matthias Erzberger 1921 und Walter Rathenau zurückgehen – und Verwandte der Täter leben in Mannheim.

Bekannte Namen genannt

Strobel und Zwerger entdecken, dass es schon weit vor der Weimarer Republik „latenten und offenen Antisemitismus“ gibt und sogar bereits kurz vor 1900 öffentlich zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen wird – nicht erst bei den Nazis. „Am meisten erschreckt hat uns, dass 1897 in Mannheim die Redaktion einer offen antisemitischen Zeitung ansässig war“, so Strobel.

Bei ihren Recherchen sind die Autorinnen auch auf mehrere rechtsradikale Sprengstoffanschläge im Jahr 1922 gestoßen, etwa am 3. Juli auf das Volkshaus in Mannheim und am 9. September auf die Börse.

Die Autorinnen benennen in ihrer Studie Beteiligte und Vereinigungen, die in Mannheim in jenen Jahren antisemitisch aktiv waren – und das lange vor dem NS-Staat. Sie entdecken bekannte Namen aus dem gehobenen Bürgertum, vom Sohn des das Stadtbild zur Jahrhundertwende prägenden Architekten Richard Perrey bis zu Felix Wankel.

„Wir waren überrascht, auf völkische Strukturen und breiten Antisemitismus zu stoßen, den es bereits vor 1933 in weiten Teilen der Bevölkerung, wenn auch verdeckt, gab“, so Strobel. Antisemitismus sei umfangreicher gewesen, als man es nach 1945 wahrhaben wollte.

Info: www.marchivum.de/de/information/services/downloads

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