Mannheim

Für den „MM“ in Moskau

Archivartikel

Es war ihre ukrainische Großmutter, die bei Inna Hartwich die Liebe zu Russland weckte. Oder vielmehr deren Bücher. Alt, vergilbt, mit einem seltsamen Geruch. „Dostojewski“ stand darauf, „Puschkin“. Irgendwann, so dachte sich Inna Hartwich als Kind, will ich sie lesen. Im Original.

Nun stehen all die Dostojewskis, Tolstojs, Puschkins, Bunins, Nabokovs, Tschechows in ihrem Büro in Moskau. Alle gelesen, im Original. Aus dem Fenster blickt sie auf alte Ziegelsteinbauten und auf die blank geputzten Wolkenkratzer des futuristischen Moskwa-City-Stadtteils. Moskau ist eine weltoffene, eine moderne Stadt. Das erleben in diesen Tagen auch all die Fans, die nun aus der ganzen Welt zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland angereist sind. Das ist nicht nur Fassade. Aber es ist auch nur ein Teil der Wahrheit.

Seit diesem März schaut Inna Hartwich hinter diese Fassade. Sie schreibt aus Moskau, reist in die russische Provinz, reist auch in die Ukraine, nach Georgien, Kasachstan, hat praktisch alle Länder der ehemaligen Sowjetunion im Blick. Sie beschreibt Russlands Sicht auf die Dinge, beschreibt die Unterdrückungsmechanismen im Land, das Zerwürfnis mit „dem Westen“, der für Russland immer beides war und ist: Vorbild und Bedrohung. Genauso berichtet sie über die kleinen Dinge des Alltags, über die Fahrten mit der Vorortbahn, das abgestellte kalte Wasser jeden Sommer. Sie erklärt für den „MM“ Russland. Und den Russen Mannheim und den „MM“. „Wo ist dieses Mangejm?“, fragen die Menschen quer durch das Land stets voller Neugierde.

Die 38-Jährige macht das nicht zum ersten Mal. Bereits von 2010 bis 2013 arbeitete sie in Moskau – nach ihrem Französisch-Russisch-Ethnologie-Studium in Heidelberg, Nizza und St. Petersburg und direkt nach der journalistischen Ausbildung beim „MM“. Danach ging sie, ebenfalls für den „MM“, nach Peking, lebte später in Berlin.

Jetzt also wieder Moskau, wo sich ihre zweijährige Tochter nun für russische Bücher interessiert. Sie hat sich Tschukowski ausgesucht, Russlands Kinderreim-Autor Nummer eins. Dostojewski kann warten.