Mannheim

Für eine gerechte Welt

Es ist Bundestags-Wahlkampf in Deutschland. Und damit wieder Zeit für die Homestories. "Homestory" nennt man es, wenn die Medien Einblick in das private Leben von Prominenten aus Politik oder Kultur bekommen. Sigmar Gabriel und Peter Altmaier geben private Interviews. Sogar die Kanzlerin Angela Merkel gibt sich jetzt in den Zeiten des Wahlkampfs vertraulich. Sie berichtet, dass ihr Mann Joachim Sauer immer freitags einkaufen geht und sie damit im Wahlkampf entlastet.

Mit Bildern aus den privaten Räumen angereichert, werden solche Informationen dem Leser dargeboten. Sie zeichnen ein menschliches, sympathisches Bild von den Prominenten. Zeigen sie als liebende Eltern, als glückliche Ehepartner. Ohne Homestory keine Sympathie und kein Wahlsieg.

Viele Menschen lesen gerne solche Berichte über das Privatleben der Prominenten. Wenn nicht zuhause, dann auf jeden Fall im Wartezimmer beim Arzt.

Die Bibel kommt unserem Interesse an Privatem im Blick auf Jesus jedoch kaum entgegen. Immerhin etwas erzählt der Evangelist Markus über Jesus und seine Familie. Aber anders als in einer üblichen Homestory wird hier nichts beschönigt. Markus erzählt im dritten Kapitel von einem handfesten Familienkonflikt. Jesus zieht mit seinen Jüngern durchs Land Israel, er heilt und predigt im Namen Gottes. Nachts kommen sie bei Freunden unter oder schlafen auch mal unter freiem Himmel.

Blick auf das Private

Sein ganzes Auftreten ist seiner Familie sehr peinlich. Sie möchte ihn zu sich nach Hause zurückholen. Seine Mutter und seine Brüder möchten, dass er schweigt. Als er in ihrer Nähe in einem Haus zu Besuch ist, stehen sie vor der Tür und wollen ihn sprechen. Er aber weigert sich, zu seiner Mutter und zu seinen Brüdern zu gehen und sagt zu denen, die um ihn herum sitzen: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Mk 3, 34 f)

Politiker wollen heute für sich einnehmen, indem sie eine Homestory mit schönen Bildern aus ihrem harmonischen Familienleben erzählen. Jesus hingegen wagt öffentlich den Familienkonflikt. Er lehnt es ab, zurück in den Schoß der Familie zu kehren. Er macht das nicht einfach so aus einer Laune heraus. Er macht das, weil er nicht auf eine nette Homestory aus ist, sondern auf eine Weltstory. Ja, er brüskiert seine Familie. Aber er tut das, um zu zeigen, dass für ihn nicht Blutsbande entscheidend sind, also nicht die familiäre Herkunft und auch nicht die Zugehörigkeit zu einem Volk. Jesus wirbt für eine neue Weltordnung, die Weltordnung des Reiches Gottes. Das ist ein Reich der Gerechtigkeit und der Liebe, des Friedens und der Geschwisterlichkeit.

Brüder und Schwestern

Über die Zugehörigkeit zu diesem Reich entscheidet allein, ob ein Mensch Gottes Willen tut. Alle Menschen werden Brüder - der Impuls von Schillers Ode an die Freude geht von Jesus aus. In Gottes Reich sind alle Menschen Brüder und Schwestern unabhängig von der familiären Herkunft, der Zugehörigkeit zu einem Volk oder dem Geschlecht! Für diese große Story einer gerechten Welt will Jesus die Menschen gewinnen und begeistern. Wir haben die Wahl: Auch uns fragt Jesus: Bist du bereit den Willen Gottes zu tun? Willst auch du meine Schwester, willst auch du mein Bruder sein?

Tanja Schmidt, Evangelisches Pfarramt in Leutershausen