Mannheim

Gerechtigkeit ist schwierig

Was ist gerecht? Gerechtigkeit ist ein ewiges und hochbrisantes Thema. An diesem Sonntag geht es in fast allen evangelischen Kirchen darum. Jesus von Nazareth verpackte die Frage nach dem, was gerecht ist, in eine Geschichte. Im 20. Kapitel des Matthäus-Evangeliums können wir sie nachlesen. Sie handelt von einem Weinbauern, der in der Erntezeit Tagelöhner einstellt. Von morgens bis abends holt er laufend neue Arbeiter dazu. Am Ende des Tages gibt er jedem Arbeiter den gleichen Lohn, einen Silbergroschen. So hatte er es vorher mit jedem Arbeiter vereinbart. Dennoch ruft das den Protest eines Arbeiters hervor. Er hatte als einer der ersten seit dem Morgen im Weinberg geschuftet. Doch der Weinbauer antwortet ihm: „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht.“

Was denken Sie? Ist das gerecht? Wie würden Sie ihr Urteil in diesem Fall begründen? Auch wenn es in der Geschichte um den gerechten Arbeitslohn geht; Jesus will damit nicht die Arbeitswelt und das dort geltende Leistungsprinzip auf den Kopf stellen. Denn die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg beginnt mit den Worten: „Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg.“ Diese Geschichte ist ein Gleichnis. Jesus illustriert damit, wie Gott handelt und welche Werte bei ihm gelten.

Würde ist einfach da

Jeder Mensch, egal wie früh oder spät er auf den Marktplatz gekommen ist, wird von Gott, dem Weinbergbesitzer, gleich wertgeschätzt. Das Ansehen, seine Würde sind nichts, was sich der Mensch vor Gott erst erarbeiten muss. Das ist anders als in der Arbeitswelt oder im gesellschaftlichen Leben, wo wir uns um Lohn und Ansehen selbst bemühen müssen. Unsere Würde, unser Ansehen sind einfach da. Sie sind uns geschenkt. Das ist nicht diskutierbar. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Artikel 1 unseres Grundgesetzes unterliegt deshalb der sogenannten Ewigkeitsgarantie.

Doch diese Einsicht ist nicht rein spirituell oder philosophisch. Sie muss Auswirkungen auf unser Zusammenleben haben. Wir müssen als Gesellschaft dafür Sorge tragen, dass jedem Menschen ein Leben in Würde möglich ist. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass jeder Mensch das Mindeste hat, was er zum Leben braucht. Und das gilt für alle Menschen, egal wann und woher sie dazu gekommen sind. Der Weinbauer in dem Gleichnis, Gott, macht keine Unterschiede. Er gibt allen das, was sie zum Leben brauchen.

Streit über das Minimum

Klar müssen wir als Gesellschaft darüber streiten, was das Minimum ist, das ein Leben in Würde ermöglicht. Der eine Silbergroschen in dem Gleichnis ist sicher nicht so zu verstehen, dass jeder das Gleiche bekommt. Denn das wäre nicht gerecht. In Köln heißt es: „Jede Jeck is anders.“ Das kann auch auf die Bedürfnisse von Menschen übertragen werden. Manche brauchen mehr als andere. Andere benötigen eben andere Dinge als wieder andere. Wir können nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Das wäre würdelos. Was ein Mensch braucht, das erkenne ich erst, wenn ich ihn ansehe. So macht es Gott. Es wird nie einfach sein zu entscheiden, was gerecht ist. Doch wenn wir beim anderen die von Gott geschenkte Würde in den Blick nehmen, geht es in die richtige Richtung.

Sebastian Carp

Pfarrer im Evangelischen

Dekanat Mannheim

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