Mannheim

Glaube in der Öffentlichkeit

Archivartikel

Gehört der Glaube in die Öffentlichkeit?

Normalerweise finden Gottesdienste bei uns ja eher hinter Kirchenmauern statt. In den letzten Jahren hat sich da allerdings einiges getan.

Es gibt Gottesdienste im Grünen, Taufgottesdienste am Fluss, Gottesdienste in der Kneipe oder auf der Burg. Und heute werden also die Fronleichnams-Prozessionen der katholischen Gemeinden stattfinden. In aller Öffentlichkeit.

Gut sichtbare Monstranz

Kein bisschen leise werden sie in Dörfern und Städten unterwegs sein. Männer, Frauen und Kinder werden auf der Straße christliche Lieder singen, beten und aus der Bibel vorlesen. Und bei all dem werden sie gut sichtbar die Monstranz vor sich hertragen: das Gefäß, in dem die Abendmahls-Hostie gezeigt wird. So wollen sie Gott selbst in die Welt tragen. Darum geht es an Fronleichnam. Das feiern sie.

Das Fronleichnamsfest ist mir als evangelische Christin ziemlich fremd. Aber ich finde es gut, dass der christliche Glaube nicht nur in den Kirchen und in den eigenen vier Wänden gelebt wird. Religion ist etwas sehr Persönliches, ja. Aber sie ist nicht nur Privatsache. Mein Glaube prägt mich. Er hat Auswirkungen darauf, dass und wie ich mich für diese Gesellschaft und für ein gutes Miteinander einsetze. Das ist (hoffentlich!) nach außen hin wahrnehmbar. Und das ist gut so.

Freiheit der Religionen

In Deutschland ist es – Gott sei Dank – möglich und auch erwünscht, dass der Glaube sich öffentlich zeigt. Die Religionsfreiheit gehört zu den Menschenrechten und damit ganz selbstverständlich zu unserer Demokratie.

Bei uns darf der Christ, die Muslima, der Hindu und wer auch immer seinen Glauben privat leben und ihn auch ganz öffentlich zeigen, wenn man dabei nicht mit den Grundrechten anderer Menschen kollidiert. Genauso darf jeder Mensch auch privat leben und öffentlich kundtun, dass er keiner Religion angehört.

Ich nehme das oft zu selbstverständlich, weil ich mit dieser Freiheit aufgewachsen bin. Ich habe es hier in Deutschland nie anders erlebt. Andere erleben und erleiden das in ihrer Heimat anders. Auch heutzutage.

Verbote in vielen Ländern

Als iranische Christen vor einiger Zeit bei uns im Gottesdienst aus der Bibel vorgelesen haben, haben sie das in ihrer Muttersprache getan und waren tief bewegt. In ihrer Heimat ist ihnen das nicht erlaubt.

Und eine russlanddeutsche alte Dame erzählt mir, wie die evangelischen Großmütter in ihrem Dorf in Russland damals die Kinder getauft haben: Sie haben ihre Enkel heimlich mit in den Wald genommen und haben sie dort im Verborgenen an einem Bach getauft. Denn es war staatlicherseits streng verboten, die Kinder zu taufen. Sie haben dafür einiges riskiert.

Dankbarkeit und Freude

So will ich denn nun heutzutage besonders aufmerksam zuhören, wenn Jesiden und Christen aus dem Vorderen Orient erzählen, was sie wegen ihres Glaubens durchmachen müssen.

Und wenn heute die Fronleichnamsprozession durch meinen Stadtteil führt, dann werde ich mich darüber freuen und dankbar dafür sein, dass Menschen in Deutschland ihren Glauben öffentlich leben und zeigen können.

Ute Haizmann, evangelische Pfarrerin, Weinheim