Mannheim

Glaube, Liebe, Kaufkraft

Ich besitze keine Mine, keine Plantage und keine Fabrik. Ich fahre Fahrrad, benutze noch mein erstes Smartphone und verwende Geräte, solange sie sich halbwegs reparieren lassen. Schuhe kaufe ich, wenn meine alten durchgelaufen sind. Ich bemühe mich, meinen Mitmenschen respektvoll zu begegnen. Ich bekenne mich zu einem Gott, der sich selbst zu den Unterdrückten dieser Welt bekennt. Was ich gerne übersehe: Für mich arbeiten Sklaven.

Auf der Internetseite slaveryfootprint.org habe ich Fragen zu meinem Konsumverhalten beantwortet. Am Ende bekam ich die erschütternde Rechnung präsentiert: Ein Lebensstandard wie meiner lastet auf dem Rücken von etwa 24 Sklaven. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die weitaus größere Zahl an Menschen, die unter fragwürdigen Bedingungen für einen fragwürdigen Lohn arbeiten. Es geht um Männer, Frauen und Kinder, die irgendwo auf dieser Welt zu unbezahlter Arbeit gezwungen werden und der Knechtschaft aus eigener Kraft nicht entkommen können.

Unrecht steckt in Rohstoffen

Auch wenn die Berechnung nur eine Näherung darstellt und die Zahl nicht wortwörtlich zu nehmen ist: Produkte aus Sklavenhand finden sich überall in meinem Alltag. Sklavenarbeit verbirgt sich in Textilien, in Elektronikgeräten, in Schnittblumen, im Kaffee. Man sieht den Produkten nicht an, dass Blut an ihnen klebt. Häufig steckt das Unrecht in den Rohstoffen. Ich fühle mich beschämt und ohnmächtig einem komplexen System ausgeliefert, in dem ich mich nicht mehr zurechtfinde, geschweige denn etwas ausrichten kann.

Man muss nicht an Gott glauben, um Sklaverei verwerflich zu finden und über die eigene Verstrickung darin beschämt zu sein. Ich sehe das besondere Potenzial des Glaubens viel eher darin, dass er Menschen inspiriert, von einer Welt ohne Ausbeutung zu träumen und diesen Traum unter keinen Umständen aufzugeben. Die Bibel erzählt einige Geschichten von Umstürzen: vom gemeinschaftlichen Auszug der Sklaven in die Freiheit. Vom Brot, das für alle reicht. Von Menschen, die mit Feuer und Flamme aus ihrer Erstarrung aufbrechen, um die Welt zu verändern.

Wunder von Antihelden

Was mich besonders fasziniert: Diese Geschichten sind gerade keine Heldengeschichten. Die größten Wunder der Bibel werden von Antihelden vollbracht, die vor lauter Hasenfüßigkeit zuerst einmal von ihrer Stärke überzeugt werden müssen. Durch eine Berührung mit dem Heiligen. Durch einen Menschen, den der Himmel schickt. Durch Geistes Gegenwart.

Ich liebe die biblischen Geschichten. Sie zeichnen die erfrischendsten Gegenentwürfe zum hartnäckigen Dogma von der Alternativlosigkeit. Das macht sie zur schönsten Verführung, von Glauben an die eigene Ohnmacht abzufallen.

In diesen Geschichten – mit ihrem Gott an der Seite der Versklavten – sehe ich meine Möglichkeiten mit anderen Augen. Ich definiere Kaufkraft neu: als meine Kraft, Ausbeutung nicht billigend in Kauf nehmen zu müssen. Es steht mir frei, unbequeme Fragen zu stellen. Es steht in meiner Macht, Produkte von Herstellern zu bevorzugen, die ihre Lieferketten offenlegen.

Träum weiter, wird man deswegen zu mir sagen. Oh ja, werde ich antworten.

Elke Niebergall-Roth

Prädikantin der

Evangelischen Kirche

Mannheim