Mannheim

Gott in Sand geschrieben

Archivartikel

Wir sind noch im Urlaubsmodus. Landschaft, Berge, Seen . . . sind Visionen, die unser hitzemattes Gemüt jetzt am besten erreichen. Vor allem das Meer lockt mit dazugehörendem Strand, am besten in der gelb-feinen Sandvariante.

Sand, heute ein begehrter Rohstoff, aber im Urlaub am Meer immer schon eine endlose, gestaltbare Oberfläche. Und was haben wir nicht schon alles in den Sand geschrieben und dann zugeschaut, wie Wind und Wellen es wieder zum Verschwinden bringen: Liebesbekenntnisse in Herzform, Ort- und Zeit unserer Ferien, Namen, Ritzzeichnungen aller Art. Flüchtige Zeichen, die zumindest eine Weile bezeugen, dass ich hier war – sich verewigen sieht anders aus!

Biblische Geschichte

Dass mir beim Gedanken an Sand eine biblische Geschichte einfällt, mag daran liegen, dass mein Urlaub noch bevorsteht und dass ich hoffe, gerade in dieser Zeit auch geistliche Nahrung für meine baumelnde Seele zu finden.

Eine Spur ist schon gelegt: eine Gottesspur in einer an das Johannesevangelium angefügten Erzählung, in der auch Jesus in den Sand schreibt (Joh 7,53-8,11). Und zwar dann, wenn die religiösen Autoritäten – Männer aus Jerusalem– von ihm eine Antwort wollen; eine Antwort auf die Frage, wie Jesus wohl mit einer Frau umgeht, die gerade beim Ehebruch gefasst wurde.

Die Frau haben sie gleich mitgebracht und vor Jesus in die Mitte gestellt.

Die Männer hoffen, dass Jesus eine andere Bestrafung vorschlägt, als die, die das religiöse Gesetz vorsieht, nämlich die Steinigung. Damit hätten die Männer etwas gegen diesen Jesus in der Hand, der von denen, die ihn begleiten, Rabbi, Lehrer genannt wird. Aber Jesus sagt nichts, sondern schreibt mit dem Finger in die sandige Erde.

Was er schreibt erfahren wir nicht. Wichtig ist das, was Jesus tut, weil damit ein Gegensatz deutlich wird: Hier, die Männer, die göttliche Gegenwart im geschriebenen Gesetz glauben und da Jesus, der Flüchtiges in Sand scheibt und den Anklägern vorschlägt: „Wer von Euch ohne Unrecht ist, möge als Erster einen Stein auf sie werfen.“

Verengte Sicht

Die Männer gehen weg, einer nach dem anderen. Ungesteinigt bleibt die Frau zurück, Jesus spricht sie frei und will, dass sie auch künftig frei vom Vorwurf der Sünde leben kann. Hier die Männer, die Gott funktionalisieren, um Macht über die Frau und über Jesus auszuüben.

Da Jesus, der Gott ausdrücklich nicht erwähnt, bei dem Gott aber als eine handelnde Kraft erscheint, die einen Horizont eröffnet, anstatt die Sicht zu verengen. Jesus lässt das, was die Männer als „Gesetz“ anführen, in einer unerwarteten und poetischen Symbolhandlung als etwas Gefährdetes, Zartes, Flüchtiges erscheinen: ein Gesetz, dessen Zeichen im Sand immer wieder neu geschrieben, erkannt und gelesen werden müssen – wie der Pastoraltheologe Rainer Bucher ausführt.

Umkehr und Befreiung

Für die Männer und die Frau bedeutet diese Wendung eine Erlösung aus Verstrickungen in Schuld und Gewalt. Das Volk Gottes ist hier eine einsichtsbereite Umkehrgemeinschaft. Diese Bibelstelle erzählt von Umkehr, Erlösung und Befreiung. Und von Gott, in Sand geschrieben.

Petra Heilig, Katholische Theologin, Leitungsteam des Ökumenischen Bildungszentrums sanctclara, Mannheim