Mannheim

Grüne Initiative für mehr weibliche Straßennamen

Archivartikel

Mannheim.Namen sind nur Schall und Rauch - für diese Redensart von Goethes "Faust" können sich die Grünen im Mannheimer Gemeinderat sicher nicht erwärmen. Sie finden, dass Straßennamen viel zu selten nach weiblichen Persönlichkeiten benannt - also "männerlastig" - sind. "Namen sind ein wichtiges Zeichen öffentlicher Wahrnehmung von verdienstvollen Menschen - diese Ehre hätten sicher genauso viele Frauen wie Männer verdient", sagt Melis Sekmen, Vize-Fraktionschefin. Die 25 Jahre alte Studentin und ihre sechs Kollegen haben im Gemeinderat kürzlich einen Vorschlag unterbreitet.

Straßen, Brücken und Plätze sollen demnach so lange vorrangig nach Frauen benannt werden, bis diese mit Männern gleichgezogen haben. Wird dennoch ein Männername genutzt, so ihm zwei Frauen als Paten zur Seite stehen. "100 Jahre, nachdem in Deutschland die Frauen zum ersten Mal wählen durften, soll die Gleichberechtigung auch an unseren Straßen, Brücken und Plätzen sichtbar sein", heißt es in dem Antrag. Auf dessen Grundlage erarbeitet die Stadtverwaltung nun eine Vorlage, über die der Gemeinderat abstimmen soll.

Das Recht der Benennung von Straßen, Wegen, Plätzen und Brücken sowie von Ortsteilen ist Teil der kommunalen Selbstverwaltung und damit Angelegenheit der Städte und Gemeinden.

Für die Umsetzung des Anliegens ist ein langer Atem nötig. Früher lag die Zahl der zu benennenden Straßen in Mannheim bei jährlich eins bis drei; städtebaulich genutzte Konversionsflächen ließen die Zahl in jüngster Zeit auf bis zu acht Straßen im Jahr klettern. Für die Mannheimer Sängerin Joy Fleming, die 2017 starb, ist bereits eine Straße im neuen Stadtteil Franklin vorgesehen. In solchen gerade erschlossenen Quartieren, auch Taufbezirke genannt, ist es am einfachsten, Frauen mit Namen zur Geltung zu bringen.

Priorität hat für die Grünen Bertha Benz. Die couragierte Frau von Carl Benz unternahm 1888 mit dem von ihrem Mann erfundenen Motorpatentwagen die erste Fernfahrt eines Automobils - von Mannheim nach Pforzheim. In Berlin wird die Pionierin bereits auf einem Straßenschild gewürdigt. Namen von Plätzen können dazu beitragen, dass interessante weibliche Persönlichkeiten nicht in Vergessenheit geraten. Beispiel: Die in Stuttgart geborene und im Spanischen Bürgerkrieg gestorbene Fotoreporterin Gerda Taro (1910-1937), der die Landeshauptstadt Stuttgart 2008 einen Platz widmete.

Das Anliegen der Grünen ist berechtigt, sagt Linguist Henning Lobin. "Frauen werden bei der Namensnennung zu wenig beachtet", meint der Chef des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Es bestehe Nachholbedarf. Den sieht er etwa bei bislang kaum beachteten Künstlerinnen des Im- und Expressionismus. "Das Gleichziehen hat etwas mit historischer Gerechtigkeit zu tun." Eine Quote, die den Anteil weiblicher Namen festlegt, sieht er aber skeptisch.

Jede Generation habe abseits der Geschlechterproblematik ihre eigenen Kriterien bei der Benennung von Straßennamen. So sei heute eine nach dem Reichspräsidenten Hindenburg benannte Straße nicht mehr akzeptabel, meint Lobin. Vor einigen Jahren scheiterte eine Bürgerinitiative in Münster mit einem Bürgerentscheid, dem dortigen Schlossplatz wieder seinen alten Namen - Hindenburgplatz - zurückzugeben. Baden-Baden scheint da unbekümmerter: Dort heißt noch ein Platz nach dem Mann, der am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler berufen hat.

Die Mannheimer Grünen wollen auch kolonialgeschichtlichen Ballast abwerfen, so etwa die Lüderitzstraße. Grund: Der skrupellose Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz erwarb durch Betrug riesige Landstriche im heutigen Namibia. In Karlsruhe hingegen hat man sich für den Erhalt historisch belasteter Straßennamen entschieden: So wird das dem Antisemiten Heinrich von Treitschke gewidmete Straßenschild dort mit dem Kommentar ergänzt: "Die Benennung entspricht nicht mehr den heutigen Wertevorstellungen." In Heidelberg, Essen und Stuttgart wurden Treitschke-Straßen hingegen umbenannt. In Berlin ist man wieder einen anderen Weg gegangen: Dort klärt eine Informationsstele über Treitschke auf und eine angrenzende Grünfläche erinnert an Treitschkes Gegenspieler Harry Breslau.

Sprachwissenschaftler Lobin kennt auch Fälle, in denen eine Bewertung schwierig ist. Er fragt sich nach den jüngsten Enthüllungen über den Maler Emil Nolde: "Was machen wir mit den Emil-Nolde-Straßen?" Der in den Nationalsozialismus tief verstrickte Künstler habe wunderbare Bilder gemalt, alles andere als NS-Propaganda. Im Gegenteil: Seine Gemälde seien von den Nazis sogar als entartet abstempelt worden. "In dem Fall vermag ich kein Urteil abzugeben."

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