Mannheim

Jüdische Gemeinde Empfang zur Erinnerung an Oskar Althausen, der den Nationalsozialisten entkommen ist

Hand zur Versöhnung gereicht

Archivartikel

Es ist ein sehr anrührender, zugleich ungewöhnlicher Moment, mit dem dieser Abend endet. Amnon Seelig, Kantor der Jüdischen Gemeinde, singt ein durch die „Comedian Harmonists“ bekannt gewordenes Lied: „Ein Freund, ein guter Freund“. „Er war vielen ein echter Freund“, sagt er dazu – und dieser Satz gilt dem langjährigen zweiten Vorsitzenden Oskar Althausen, der im September 100 Jahre alt geworden wäre. Ihm zu Ehren hat die Jüdische Gemeinde eine Gedenkveranstaltung ausgerichtet.

„Aber es soll keine Trauerfeier sein“, sagt Rita Althausen auch im Namen ihres Bruders Oliver. Seit Juli ist die Tochter von Oskar Althausen Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Nun begrüßt sie im Jüdischen Gemeindezentrum zum Sabbat-Gottesdienst und Empfang zahlreiche Freunde und Vertreter des öffentlichen Lebens. Sie erleben eine würdevolle Erinnerung an einem Menschen, der trotz leidvoller Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus nie aufgab, leidenschaftlich für Verständigung zwischen Christen und Juden einzutreten.

„Er war ein wundervoller Vater, liebender Ehemann, gläubiger Jude“, so Rita Althausen. Als zweiter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von 1967 bis 1987, zudem im Oberrat der Israeliten Badens und in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit sei er „wichtiger Brückenbauer“ gewesen, „der die Hand zur Versöhnung reichte“ und „mutig die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vertrat“. Gerade nach dem Terroranschlag auf die Synagoge von Halle gelte es, das Bewusstsein für die Bedrohungen dieser Grundordnung wachzuhalten, warnt sie.

Die Ereignisse von Halle sind es auch, die Georges Stern tief bewegen. 1980 bis 1992 war er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und enger Weggefährte von Oskar Althausen. Es sei ihm „Herzensangelegenheit“, an ihn zu erinnern, so Stern. Aber zunächst wird er deutlich: „Erst jagt man uns aus dem Tempel, dann schickt man uns in die Gaskammer“, sagt er bitter, ehe seine Stimme stockt. Staat, Justiz und Polizei hätten vor dem wieder stark aufkeimenden Antisemitismus, gerade im Osten Deutschlands, zu lange die Augen verschlossen, beklagt er.

Flucht aus der „Schlammhölle“

Dann zeichnet er den Lebensweg von Oskar Althausen nach. Am 22. Oktober 1940 war er mit den Juden aus Baden und der Pfalz ins Lager Gurs in den Pyrenäen, die – so Stern – „Schlammhölle“ deportiert worden. Zwischenzeitlich musste er Zwangsarbeit am Atlantikwall leisten. „Doch es gelang ihm, der Hölle des Todes zu entkommen“, so Georges Stern, denn Oskar Althausen floh mit seinem Bruder über die Pyrenäen und Spanien nach Palästina. Dort lernte er seine Frau, eine Überlebende von Auschwitz, kennen. 1951 kehrte er nach Mannheim zurück, baute hier die Jüdische Gemeinde mit auf. „Er war die Seele der Gemeinde, unglaublich bescheiden, sehr hilfsbereit, und er hat sich unendliche Verdienste um die Erhaltung des Deportiertenfriedhofes in Gurs und das Andenken an die Verfolgung erworben“, so Stern: „Er war ein guter Mensch, ein sehr guter!“

Oberbürgermeister Peter Kurz erinnert daran, dass die Abtransporte der Juden am helllichten Tag erfolgten, mitten in den Quadraten – und die Passanten einfach zusahen. Dass Althausen nach allen bitteren Erfahrungen die Hand zur Versöhnung gereicht habe, sei „ein Erbe, dessen wir uns würdig erweisen müssen“, mahnt er. Er empfinde tiefen Respekt und große Wertschätzung vor dessen Leistung für die Erinnerungskultur wie für den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Mannheim. „Damit verbindet sich ein bleibender Auftrag für die Stadtgesellschaft“, so Kurz. Man dürfe indes „in keiner Weise zulassen, dass jemand eine erinnerungspolitische Wende fordert“.

Bundestagabgeordneter Nikolas Löbel (CDU) bezeichnet Oskar Althausens Arbeit als Verantwortung und Vermächtnis, die Forderung nach einem „Nie wieder“ trotz des wachsenden Antisemitismus mit Leben zu füllen. Er überbringt Rita und Oliver Althausen nicht nur eine Grußbotschaft des Israelischen Botschafters in Berlin, sondern auch ein ganz persönliches Geschenk: In Erinnerung an ihren Vater hat er über den Jüdischen Nationalfonds acht Bäume in einem Wald bei Jerusalem pflanzen lassen – eine Geste, die ganz besonders gut ankommt.

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