Mannheim

Heimat ist kostbar

Archivartikel

Nun habe ich das letzte Stück Heimat aufgetaut. Na ja, nicht direkt. Aber immer, wenn ich bei meinen Eltern bin, dann nehme ich eine Zwei oder eine Drei mit. In meinem Heimatort ist damit ein Zwei-Pfund- oder ein Drei-Pfund-Brot gemeint. Roggenmischbrot. Super zum Einfrieren und Auftauen sind auch Brötchen. Manchmal backen meine Großeltern auch super leckeren Kuchen. Meine Oma ist für den Kuchen zuständig, mein Opa für die Torten. Frisch schmeckt natürlich alles am besten. Aber zur Not und in der Ferne geht auch aufgetautes Brot und Kuchen.

Durch das ganze Corona-Durcheinander habe ich meine Verwandten nun schon mehr als ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Und nun sind auch das eine halbe Brot und ein letztes Stück vom Geburtstagskuchen aufgetaut und aufgeputzt.

Eine Zeit, die Kraft fordert

Klar, auch an der Bergstraße, wo wir als Familie zu Hause sind, gibt es leckeres Brot. Und selber backen kann man Brot auch. Sympathische Menschen, die das auch gern machen, gibt es noch dazu. Nur ist Heimat etwas, was irgendwie anders vertraut ist und anders mundet. Das hat mit unserer Geschichte, oft mit der eigenen Kindheit zu tun. Wenn das Brot wie in der Heimat schmeckt und das Lieblingsessen, wie mein Vater kocht, und der Kuchen nach meiner Mutter, dann ist das eben etwas Kostbares, was es nur dort gibt.

In dem ganzen Kuddelmuddel, das uns gerade viel Kraft und Nerven kostet, bin ich nun auf etwas gestoßen, was ich mir selber zu Herzen nehmen will. Beim Propheten Haggai beklagt Gott, dass sein Tempel wüst dasteht und sich jeder nur um sein Haus kümmert. „Achtet doch darauf, wie es euch geht.“, gibt Haggai zu bedenken. „Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.“ (Haggai 1,5-7).

Gerade in einer Zeit, die Kraft fordert, bringt es etwas, wenn ich schaue, was außer Brot und Arbeit wichtig ist. Wenn es nichts mehr aufzutauen gibt, dann muss man irgendwann wieder in die Heimat fahren und das auftanken, was es nur dort gibt. Da hilft alles Säen, Ernten und in sich Hineinstopfen nichts. „Satt“ werden hat manchmal auch mit Gottes guter Nähe zu tun, die ich suche. Ich stell mir seinen Segen vor wie „Tau vom Himmel“ (Haggai 1,10). Er lässt sogar in mir drin wachsen, was wüst daliegt. Denn nicht nur Bauch und Kopf, sondern auch meine Seele hat Appetit und muss aufgebaut werden. Darum will ich immer wieder darauf achten, wie es mir geht. Manchmal kommt das zu kurz.

Wie man Segen finden kann

Bei Haggai verspricht Gott später: „Achtet darauf: Noch liegt das Saatgut in der Scheune, noch haben Weinstock, Feigenbaum, Granatapfel und Ölbaum nicht getragen; aber von diesem Tage an will ich Segen geben.“ (Haggai 2,18-29). Ganz frei nach Haggai sage ich mir selbst: Mensch, achte doch mal darauf, wie ich Segen finden kann. Denn der macht noch einmal anders satt, genau wie Brötchen aus der Heimat.

Ob man Segen einfrieren kann und auftauen? Ich denke nicht. Aber ich muss nicht in meine Heimat fahren, um ihn zu finden. Und länger halten tut er auch. Also: Achtet doch darauf, wie es euch geht!

Jan Rohland, Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Lützelsachsen

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