Mannheim

Programm 20 500 Besucher feiern rund um den Mannheimer Ehrenhof / Feuerwerk am späten Abend

„Hier kommt alles zusammen“

Clara liebt es zu tanzen. Sie wirbelt um sich herum, macht einen Schritt nach links und rechts und hüpft in die Höhe. Es ist 19 Uhr, vor gerade einmal eineinhalb Stunden wurden die Tore eröffnet und schon füllen die Besucher des Schlossfestes den Ehrenhof, der nach und nach in einen abendlichen Schatten fällt. Besonders die deutsche Gruppe „Jeden Tag Silvester“ hat es Clara angetan. Nach jeder Tanzeinheit dreht sich die Vierjährige zu den Bandmitgliedern, klatscht in ihre Hände und strahlt bis über beide Ohren. „Wir waren schon nachmittags hier und haben uns die Roboter Show angesehen“, sagt Claras Papa Jakob Baumann. „Ich finde es toll, dass der Eintritt nichts kostet und man Musik, Kunst, Kultur und Wissenschaft an einem Abend gleichzeitig erleben kann.“

Während Sicherheitsmänner und Polizeibeamte ihre Runden drehen, machen es sich die Gäste des Schlossfestes auf Liegestühlen im Ehrenhof gemütlich, tummeln sich mit bunten Perücken in den aufgestellten Fotoboxen zusammen, essen Falafel, Flammkuchen oder Crêpe und lauschen zur Musik, die aus allen Richtungen erklingt. Einen besonderen Blick auf das bunte Treiben haben die Besucher und Besucherinnen im ersten Obergeschoss des Ehrenhofs West: Sie bleiben an den geöffneten Fenstern stehen und ziehen wenig später weiter, um sich die Ausstellung des Künstlers Fabian Utta oder das Simultanschach anzusehen – einer der zahlreichen Programmpunkte, die das Schlossfest an diesem Abend zu bieten hat.

Cello-Konzert im Gartensaal

Es ist 20 Uhr, der Himmel ist klar. Während sich eine Menschenschar vor der Schlossbühne bildet und vom Musik-Comedy-Duo „Das Lumpenpack“ zum Lachen gebracht wird, ruht sich eine Gruppe junger Studentinnen auf einer Bank aus. „Die Nacht ist noch lang“, sagt Sabrina Hannsen lachend. „Nach dem Fest werden wir ordentlich feiern, deshalb machen wir erst mal langsam.“ Auf der anderen Seite des Ehrenhofs wird die Warteschlange zum Mittelbau länger und länger. Im Rittersaal selbst? Gäste, die große Augen machen. Während der Musik-Kabarett-Vorstellung vom Schatzkistl schielen sie zur Decke und knipsen reichlich Fotos. Unten, im Gartensaal dagegen, trommelt Daniel Fritzsche auf seinem Cello herum, zupft an den Saiten und sorgt mithilfe einer Loopstation für ein mehrstimmiges Cello-Solo.

Sich ein Programm für den Abend zurechtlegen? Fast unmöglich. Immer wieder kommt man auf dem Weg über den Ehrenhof an Stationen vorbei, die zu erkunden sich lohnt. Sei es das Scratch Buffet der Alten Feuerwache im Arkadentheater, wo Möchtegern-DJs sich am Mischpult probieren können oder der AstA Poetry Slam im Schneckenhof, der vor allem bei Studenten auf große Begeisterung stößt. Andere Besucher lauschen in der Alten Lehrbuchsammlung zur Musik von Jonathan Zelter. „Das Fest bietet einfach die Gelegenheit, die Stadt, die Uni und neue Leute kennenzulernen“, weiß eine Erstsemesterin, die ihren Namen nicht in den Medien lesen möchte. „Wo sonst kann man sich drinnen prunkvolle Räume ansehen und Balladen anhören und draußen zu Discomusik tanzen?“, sagt sie lachend. „Hier kommt alles zusammen.“

Doch nicht jeder scheint begeistert zu sein: „Das ist mein drittes Mal“, sagt Stefan Weiß. „Die Programmpunkte sind sehr ähnlich, ein bisschen Pfiff fehlt dem Schlossfest.“ Auch die holprigen Zugänge zu den einzelnen Räumen sorgen bei einer Rollstuhlfahrerin, die ihren Namen ebenfalls nicht verraten möchte, für Unmut. „Das finde ich sehr schade“, sagt sie. „Ich hätte mir beispielsweise gerne die Newcomer Bands im Café EO näher angesehen. Leider ging das wegen der Treppen nicht.“

Links neben der Schlossbühne, wo normalerweise Predigten gehalten werden, machen sich derweil die Jungs von „ClockClock“ mit einem DJ-Pult breit. Elektronische Klänge, der leise Gesang und die Bässe hallen durch die alt-katholische Schlosskirche. Raus aus den heiligen Räumen schlägt die nächste Stilrichtung entgegen: Rock. Die Band Cinemagraph heizt die Stimmung auf. Im Ehrenhof? Dichtes Gedränge und kaum Platz zum Laufen. Kein Wunder: Am Ende des Abends wird der Veranstalter des Schlossfestes mehr als 20 500 Besucher verzeichnen.

Für Clara geht es um kurz vor 22 Uhr nicht nach Hause, nein. Sie darf mit ihren Eltern auf die Dachterrasse, um sich ein zehnminütiges Feuerwerk mit funkelnden Herzen und Sternen anzusehen. Und danach? Das Mumuvitch Disko Orkestar, das mit „Wir sind mehr“ eindrucksvoll über den Ehrenhof zieht und ein lautes Zeichen gegen die rechte Gewalt in Chemnitz setzt.

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