Mannheim

Franklin Jugendliche üben sich beim „Urban Streets Camp“ drei Tage lang in Tanz, Songwriting und Graffiti

„Hip-Hop ist Kultur der Gemeinsamkeit“

Archivartikel

Um Hip-Hop in all seinen Facetten soll es gehen beim „Urban Streets Camp“ auf Franklin. Die Idee dahinter klingt einleuchtend: Jungen Menschen zwischen 13 und 23 Jahren für drei Tage unter professioneller Anleitung den Raum bieten, sich in Sachen Tanz, Songwriting und Graffiti selbst zu verwirklichen – das Ganze bei voller Versorgung und kostenfrei.

Wer sich an diesen Tagen im Zeitstromhaus auf dem Franklin Village mit Projektleiter Karsten John unterhält, der das Konzept 2017 im Jugendhaus Herzogenried für die Klangstiftung von Produzent Michael Herberger aus der Taufe hob, spricht mit einem Überzeugungstäter zwischen Beats und Bewusstsein. Denn selbstverständlich weiß John um das aktuelle Image des Rap – nicht erst seit dem Skandal um die beiden Musiker Farid Bang und Kollegah – und umso mehr kommt es für den Koordinator jedoch darauf an, die Musik der Straße „zurück zu ihren Wurzeln“ zu führen, um sie echt, frei und authentisch leben zu lassen. Und so vergingen Monate der Planung, bis die von der Projektentwicklungsgesellschaft MWSP zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten endlich bezogen werden und knapp 40 junge Hip-Hop-Pioniere damit beginnen konnten, ihre eigenen Ideen progressiv zu verwirklichen.

Danny Fresh als Rap-Lehrer

Wie dankbar die Teilnehmer dieses Angebot tatsächlich annehmen, kann schon beobachten, wer den Workshops nur für wenige Minuten folgt. In der Texterwerkstatt ist es Rapper und Popakademie-Absolvent Danny Fresh, der mit den Jugendlichen an den ersten Entwürfen feilt, thematische Skizzen entwickelt und jedem Teilnehmer die entscheidenden Hinweise für die besten Reime gibt. Dass er mit seinem Team in einer „Kopfkino-Session“ mit geschlossenen Augen lieber durch den Sand der Karibik streift, um die Sinne zu schärfen, anstatt den härtesten Worten Gewähr zu bieten, ist sicher ein Ergebnis seines Studiums der „Gewaltfreien Kommunikation“ – aber auch ein Beleg dafür, dass sich junge Menschen nicht nach Grenzüberschreitungen sehnen, wo ihnen richtig zugehört wird.

Erhebendes Erlebnis

Um das richtige Gehör geht es auch eine Tür weiter im Tanzraum, in dem David Quick jede einzelne Schuhsohle im Blick behält. Er selbst bahnte sich den Weg vom Schulabbrecher und Staplerfahrer zum international gefragten Künstler – und will auch seiner Crew lehren, dass es nur um diesen einen, zügellosen Moment geht, in dem Musik durch den Körper dringt, die Selbstkontrolle für einen entscheidenden Augenblick aussetzt und der Körper sich dem Rausch der Bewegung ergibt.

Dass bei den Freestyle-Übungen alle zusammenstehen, um sich gegenseitig zu inspirieren, während bei den Solisten Hüften rotieren, Arme den Beat in der Luft nachzeichnen und zu Klassikern der Rap-Geschichte auch die ersten Breakdance-Moves auf den Boden gezaubert werden: ein erhebendes Erlebnis für alle, die mit dabei sein dürfen.

In der Hitze des Mittags heißt es: Atem fassen. Wie entschlossen selbst bei der gemeinsamen Mahlzeit, die das benachbarte Boulderhaus auf der Konversionsfläche serviert, über die eigenen Projekte gesprochen wird, darf man als untrügliches Zeichen des Willens werten, den junge Menschen entwickeln, wenn man ihnen die Chance einräumt, einmal so sein zu können, wie sie wollen. Denn das „Urban Street Camp“ will nicht eine von vielen Talentschmieden sein, die die Werke von vielversprechenden Talenten in der Schublade verschwinden lässt.

Als die Tags (Signaturkürzel) der jungen Graffiti-Künstler auf die riesigen Kuben aufgezogen sind, die Schritte der Choreographien sitzen und der letzte Beat unter den Textzeilen liegt, feiern sie sich nach drei Tagen harter Arbeit mit einer Jam-Session. Nicht nur für die Workshop-Teilnehmerin Ute Gottwald aus Stuttgart ist das ein Segen: „Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass es solche Möglichkeiten gibt, von denen wir noch viel mehr bräuchten. Denn nur so können wir zeigen, dass Hip-Hop eine Kultur der Gemeinsamkeit ist, in der alle Disziplinen zusammenkommen, um sich gegenseitig zu feiern.“