Mannheim

Verkehr Bahnfreunde Rhein-Neckar-Pfalz und Interessengemeinschaft Nahverkehr Rhein-Neckar laden zur Fahrt im „Glühweinexpress“ ein

Historisch bewegtes Adventsvergnügen

Wer Diethard Cujé dieser Tage über „seinen“ zeitlos schönen Triebwagen mit der Nummer 1122 sprechen hört, lauscht Worten erhabener Leidenschaft. An der Endhaltestelle Luitpoldhafen brüht der 78-Jährige rasch noch einen Kessel Glühwein auf – und kommt ins Schwärmen über die geschichtsträchtige Straßenbahn, deren Fahrt an den kommenden drei Sonntagen noch so manchem zum Erlebnis werden darf. Denn wenn Bahnfreunde Rhein-Neckar-Pfalz und die Interessengemeinschaft Nahverkehr Rhein-Neckar (IGN) zu ihrem jährlichen „Glühweinexpress“ laden, ist ein jeder willkommen, der bereit ist, sich auf ein historisch bewegtes Adventsvergnügen einzulassen.

Dass in diesem fast 90-jährigen Schienenkunstwerk außer dem benötigten VRN-Ticket fast nichts an eine konventionelle Straßenbahnfahrt erinnert, gehört dabei zum Programm. Schon von außen stehen traditionelle Glühkerzen-Scheinwerfer, die aus dem beigen Fahrzeugkasten scheinen, für den geschichtlichen Glanz – doch auch das Interieur offenbart seine ganz eigenen Geheimnisse. Denn dass die braunen hölzernen Planken heute derart makellos poliertes Gestühl samt authentischer Bistro-Tische beheimatet, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Mühsame Kleinarbeit

1939 in der Heidelberger Waggonfabrik Fuchs vom Band gelaufen, diente der Triebwagen gute 25 Jahre als Linienfahrzeug auf der Rhein-Haardtbahn, bis das Fahrzeug 1965 außer Dienst gestellt wurde – und schließlich verkam. Der nach dem Krieg zum Einzelstück gewordene Schienenschatz wurde zwar nicht verschrottet, jedoch zum Lagerraum für Streusalz degradiert. Nach kurzem Aufenthalt im Viernheimer Rhein-Neckar-Eisenbahn-Museum und unliebsamen Jahren im deutschen Norden konnten die Bahnfreunde Rhein-Neckar-Pfalz das mittlerweile schrottreife Stück 2001 schließlich erwerben, um es in mühsamer Kleinarbeit zu restaurieren. Insgesamt 14 000 Arbeitsstunden hat der Maschinenbautechniker Dieter Müller mit Cujé und zwei weiteren Mitstreitern dokumentiert und dabei die Aufarbeitung von Drehgestellen und Blechkasten ebenso registriert wie die Generalüberholungen an Motor, Technik und Ausstattung. „Es war uns wichtig, so vieles wie möglich original zu erhalten“, fasst der 80-jährige Schlosser zusammen und blickt sich „voller Stolz“ im heutigen Prachtobjekt um.

Dass an die Schattenzeiten in dem geschmückten Kleinod nur noch ein bebilderter Dokumentationsordner erinnert, macht diese erste Sonderfahrt nicht nur für Bahnfreunde zum Glück. Während sich die Bahn über den Berliner Platz langsam in Richtung Mannheim bewegt, blicken Senioren wie Familien der alten Straßenbahn mit einem Schmunzeln entgegen.

Sterne und Punsch

Dass sie im Inneren nicht nur von Strohsternen, weihnachtlicher Musik und Christbaumkugeln, sondern auch mit einem Becher Punsch oder Glühwein beehrt werden, ist selbst den Adler-Fans eine Freude, die ihr eigentliches Ziel auf dem Weg zum Heimspiel – die SAP Arena – für einen kurzen Moment aus dem Sinn verlieren. Was selbst einem routinierten Straßenbahnfahrer wahrlich nicht schwerfällt. Denn auch einem Profi auf der Schiene wie Fahrer Ralph Dißinger macht die RHB 1122 noch nach Jahren eine riesige Freude. Anders als heutige Fahrzeuge luftgebremst, muss Dißinger die Geschwindigkeit des bis zu 50 Stundenkilometer flotten Wagens präzise einschätzen und sensibel drosseln, um federweich anzuhalten. Dass die generalüberholte Bahn nicht nur über eine intelligente Motorsteuerung verfügt, sondern technisches Inventar vereint, das sie als einzige auf jedem Kilometer Schiene im Verkehrsverbund fahrtüchtig macht, hält Dißinger daher ganz im Wortsinn für „einmalig“.

Es ist der Charme, der auch Barbara Werle Jahr für Jahr zum Fahrgast in der Traditionsbahn macht. Für die 64-Jährige, die sich mit selbst geschneiderten Roben aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts eigens für ihre Fahrt schick gemacht hat, sind die Minuten im „Glühweinexpress“ mehr als nur schwelgerische Reminiszenz: „Hier wird Erinnerung wirklich noch hochgehalten – und das ist etwas Wunderschönes!“

Info: Fotostrecke unter www.morgenweb.de/mannheim

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