Mannheim

Geistliches Wort

Ich vertraue!

Seit Anfang März leben wir mit beziehungsweise in der Corona-Krise. Wir erleben all die negativen Entwicklungen, die mit der Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Eindämmung verbunden sind. Diese Erfahrungen lösen Gefühle in uns aus, die wiederum auch unsere Wahrnehmung beeinflussen: Angst, Enttäuschung, Trauer, Sehnsucht nach dem, was vorher war, Hoffnung auf eine bessere Zeit, Ungeduld, Wut …

Manchmal wissen wir nicht mehr, wo uns der Kopf steht, was wir tun sollen und wem wir vertrauen können. Von Anfang an sind wir in dieser Pandemie gefordert, zu unterscheiden zwischen verlässlichen Erkenntnissen und zum Teil bewusst irreführenden Informationen. Zwischen Dingen, die notwendig sind, und solchen, auf die wir zeitweise auch einmal verzichten können. Wir müssen entscheiden: Welche Maßnahmen scheinen wichtig und richtig? Das gilt für politisch Verantwortliche, für Kultur- und Sportfunktionäre, für Bischöfinnen und Dekane ebenso wie für jeden Einzelnen von uns persönlich.

Gerade in der zurückliegenden Woche wurde deutlich, dass es in der Krise nicht nur um einzelne Maßnahmen geht, sondern um eine grundlegende Entscheidung: Vertraue ich denjenigen, die in politischen und gesellschaftlichen Bereichen Verantwortung wahrnehmen, oder unterstelle ich ihnen, dass sie mich persönlich und uns als Gesellschaft nur gängeln wollen?

Schmerzende Beschlüsse

Nicht jeden Beschluss der letzten Wochen finde ich gut. Manche der Regelungen schmerzen – zum Beispiel, dass ich meine Mutter nicht im Pflegeheim besuchen kann oder dass wir als gläubige Menschen nur unter erheblichen Einschränkungen in den Moscheen, in der Synagoge und in unseren Kirchen gemeinsam beten und Gottesdienste feiern können. Und trotzdem sehe ich keinen Grund, denjenigen mein Vertrauen zu entziehen, die solche Beschlüsse gefasst und solche Verordnungen erlassen haben.

Woher mein Vertrauen kommt? Ganz sicher ist es gewachsen durch das Zusammenleben mit Menschen, die nicht nur davon reden, dass sie es gut mit mir meinen, sondern die mir tatsächlich guttun. Eine weitere Erfahrung: Ich kann Menschen vertrauen, die vernünftig begründen, warum sie dieses oder jenes von mir erwarten. Gestärkt wird mein Vertrauen, wenn ich erlebe, dass nicht Einzelpersonen einsame Entscheidungen treffen, sondern dass Vorgaben im Dialog, in der Diskussion, manchmal auch im Streit errungen wurden. All das nehme ich so auch in dieser Krise im Gegenüber und Miteinander mit Verantwortlichen wahr.

Zutiefst gespeist aber ist mein Vertrauen aus meinem Glauben, dass unsere Welt und mein Leben kein Zufallsprodukt sind, sondern von Gott gewollt und getragen. Sein guter Geist lebt und wirkt in der Schöpfung – auch in uns Menschen. Die Bibel bestärkt uns darin, diesem Geist zu vertrauen, obwohl wir in der Welt auch viel Ungeist erleben und selbst manchmal geistlos handeln: „Löscht den Geist nicht aus … Prüft alles und behaltet das Gute“, schreibt Apostel Paulus der Gemeinde in Thessalonich (1 Thess 5, 19). Nicht um blindes Vertrauen geht es also, sondern um eine kritische Prüfung der Geister und um eine Entscheidung für das Gute.

Richard Link, Pastoralreferent der Seelsorgeeinheit Maria Magdalena

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