Mannheim

Serie „2018 – das wird mein Jahr“ Manfred B. möchte den Alkoholentzug schaffen / Familie und Selbsthilfegruppe unterstützen ihn

„Ich will nie wieder abrutschen“

2018 soll für Manfred B. vor allem eines werden: ein trockenes Jahr. „Das ist mein erstes Ziel. Mein oberstes Gebot“, sagt der 73-Jährige. Nach mehrjähriger Alkoholsucht war der fitte und jung geblieben wirkende Mann seit 2010 stabil und ohne Rückfall. Doch dann, Weihnachten 2017, ist es passiert: Er zieht los, besorgt sich Alkohol und trinkt wieder einmal so richtig. Warum, das kann er im Nachhinein gar nicht sagen. Direkt nach den Feiertagen geht er freiwillig ins Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), bleibt dort fünf Tage lang und wird zum Start ins neue Jahr entlassen. Mit null Promille –und das soll auch 2018 so bleiben, wünscht sich Manfred B..

Als der frühere Ingenieur nach 40 Jahren in Altersteilzeit geht und zuhause ist, beginnt die Sucht. Es fängt mit einer Riesling-Schorle an und endet mit Jägermeister. „Ich habe alles getrunken. Es ging nicht mehr um den Genuss, sondern um Betäubung“, erinnert sich der verheiratete Vater eines Sohnes. Irgendwann bemerkt er den Kontrollverlust: „Man hat es nicht mehr in den Händen und weiß auch nicht, was man gemacht hat. Das ist die unterste Stufe.“

Entgiftung im ZI

Zittern und Schweißausbrüche folgen auf ganz kurze Phasen ohne Alkohol, alle Gedanken kreisen nur noch darum, „Stoff“ zu besorgen und den Konsum möglichst zu verheimlichen. Aber Manfred B. hat Glück. Seine Frau, Familie und Freunde bemerken den Alkoholmissbrauch und thematisieren ihn. „Es gab oft Streit“, so der 73-Jährige. Er entschließt sich schließlich zur Entgiftung im ZI. Nach vier Wochen wird er entlassen. „Ich war in dieser Zeit dort sehr in mich gekehrt, empfand das als schlimm“, erinnert er sich. Direkt im Anschluss besucht er, auf Empfehlung der Klinik, Selbsthilfegruppen und entscheidet sich, beim Kreuzbund zu bleiben. Eine wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre, seine Zukunft ohne Alkohol.

Einmal wöchentlich besucht er die Gruppe, lernt ihre Mitglieder kennen, die zu einer Art Familie für ihn werden. Er lässt sich zum Suchthelfer ausbilden, leitet inzwischen eine dieser Kreuzbund-Gruppen und engagiert sich im Verein. Aber auch dieser Weg schützt nicht vor Rückfällen, die auch nach jahrelanger Abstinenz auftreten können. „Man muss eine Achtsamkeit aufrecht erhalten, sich fortwährend damit beschäftigen und an die Konsequenzen denken“, erzählt Manfred B., der inzwischen am liebsten Saft und Kaffee trinkt. Gar nichts, absolut gar nichts Alkoholisches nimmt er mehr zu sich. Auch kein alkoholfreies Bier. „Das Öffnen der Flasche, dieses Geräusch, das Einschenken, der Schaum – man sollte möglichst alles vermeiden, was an das Trinken erinnert“, sagt er und fügt hinzu: „Ich will nicht wieder so abrutschen und das, um Gottes Willen, nicht alles noch einmal mitmachen.“ Ein unwahrscheinliches Schamgefühl habe er damals empfunden, er sei über sich selbst maßlos enttäuscht gewesen. Seiner Frau, seiner Familie und seinen Freunden ist Manfred B. von Herzen dankbar. Bruder und Schwägerin haben ihn auch jetzt nach Weihnachten ins ZI begleitet.

„Es war abgemacht, dass ich mir sofort professionelle Hilfe hole, wenn es wieder passiert“, so der 73-Jährige. Halt findet er weiterhin in seiner Kreuzbund-Gruppe, wo Solidarität groß geschrieben wird. Ohne solch einen Selbsthilfe-Kreis mit regelmäßigen Treffen hält es kein ehemaliger Alkoholiker durch, davon ist er überzeugt: „Wir freuen uns über jeden und weisen keinen ab.“

Gefährliche körperliche Schäden

Nach der Behandlung von Entzugssymptomen sollen Patienten durch ein Drei-Wochen-Programm darin unterstützt werden, suchtmittelfrei zu leben, berichtet Anne Koopmann, Oberärztin an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am ZI. Dazu erfolge die Teilnahme unter anderem an psychotherapeutischen Einzel- und Gruppengesprächen, Entspannungsübungen, Sport und Ergotherapie. Entschließe man sich zum Entzug an der Tagesklinik, dauere das Programm vier Wochen. Die Abende und Wochenenden müssten selbst bewältigt werden können. Alkoholmissbrauch verursache gefährliche körperliche Schäden und könne zum Tode führen. „Aber trotzdem können auch ehemalige Alkoholiker ein schönes Leben führen“, will Manfred B. ein gutes Beispiel dafür sein. Für 2018 wünscht er sich, dass viele Menschen den Absprung schaffen und aufhören, sich zu betäuben – und für sich selbst, dass er keinen Tropfen mehr anrührt.