Mannheim

Filmschätze Private Aufnahmen von einem Renntag 1926 und der Rückkehr der siegreichen Reiter in das damals noch selbstständige Dorf

Im Galopp durch Seckenheim

Archivartikel

Man kann die starke Spannung, die große Aufregung der Menschen spüren und sehen – auch wenn es kein Tonfilm ist: Private Aufnahmen von einem Pferderennen in Seckenheim von 1926 bereichern, inzwischen digitalisiert und damit der Nachwelt erhalten, nun die Sammlung der Filmschätze im Marchivum, Mannheims Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung.

Zu sehen ist ein Hürdenlauf badischer Halbblüter, die in rasantem Tempo die nur mit etwas Reisig ausgestopften hölzernen Hindernisse überwinden. Auf einem kleinen Hügel stehen Menschenmassen, auch ganz nah am Geläuf drängen sie sich. Die Männer tragen, wie damals üblich, Anzug, und winken mit ihren Hüten, feuern die Jockeys an. Der Richterturm ist nur ein Gestell aus Holz, es ist alles noch nicht so professionell wie heute – aber man sieht, dass die Pferderennen einen großen Publikumsmagneten darstellen.

Und nicht nur das Rennen selbst zeigt der Film. Die Aufnahmen beinhalten auch die triumphale Rückkehr der erfolgreichen Reiter in den Ort. Die Menschen stehen an den Straßenrändern oder an den Fenstern, winken und jubeln. Autos? Fehlanzeige. Nur einige Fahrräder und ein Fuhrwerk sind auf den Straßen des Dorfes Seckenheim – damals noch nicht eingemeindet, das folgte erst 1930 – zu sehen.

„Froma-Film“ steht auf einem Schriftzug am Beginn des Streifens. Als Hersteller wird Fred Löffel genannt, die Aufnahmen stammten von Fritz Rottenwallner. Vermittelt wurde dem Marchivum dieser Film zusammen mit Aufnahmen der Einweihung der Ilvesheim-Seckenheimer Neckarbrücke vom 9. April 1927 vom Förderverein historisches Seckenheim. Besitzer der von der Auflösung bedrohten Nitrofilmspulen ist Michael Kaltenegger, der sie dem Marchivum zur Digitalisierung überließ. „Nun sind zwei wichtige Zeitdokumente Seckenheimer Geschichte gesichert und zugänglich gemacht“, freut sich Désirée Spuhler, die Leiterin der Audiovisuellen Sammlung vom Marchivum.

Die Aufnahmen sind auch eine wichtige Erinnerung an jene Zeit, als im heutigen Mannheim gleich an zwei Stellen Pferderennen ausgetragen werden. Am 8. Mai 1836 galoppieren die Vierbeiner erstmals über den damaligen Exerzierplatz, gelegen östlich der Otto-Beck-Straße auf dem heute mit der Oststadt bebauten Areal. 1868 schlägt der Landwirtschaftliche Bezirksverein dem Stadtrat vor, Pferderennen an den Neuwiesen am Neckardamm (heute Luisenpark) weit außerhalb der Stadt, die damals am gerade im Bau befindlichen Wasserturm endet, auszutragen. Dort findet am 3. Mai 1868 der erste Renntag statt. Offiziell gegründet wird der „Mannheimer Rennverein“ am 29. Dezember 1868. Gewettet werden darf ab 1887 – da wird der Totalisator eingeführt.

Parallel dazu entsteht der Pferdezucht- und Rennverein Mannheim-Seckenheim. Der wird 1888 gegründet. Zunächst trägt er auf dem Neckarvorland, ab 1925 auf einer Waldrennbahn Rennen aus. Die aber muss 1934 dem Bau der Reichsautobahn weichen. Nach dem Krieg sind die Seckenheimer schneller, gründen 1949 neu und erstellen 1950 im Dossenwald eine Bahn. Motor ist Carl Lochbühler, Enkel des Vereinsmitbegründers Georg Lochbühler, und bis heute sind dessen Nachkommen sehr große Förderer des Turfsports.

Fusion beider Vereine

Der Badischen Rennverein steht nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Nichts. Die alte Rennwiese nutzen die Amerikaner als Golfplatz, dann breiten sich dort andere Vereine, von Turnern über Golfer bis zum Reiterverein, aus. Zur Bundesgartenschau 1975 wird der Luisenpark um die Rennwiese erweitert, die heute Freizeitwiese heißt.

Daher beschließen 1968 beide Mannheimer Rennvereine eine Fusion. Die Waldrennbahn wird ausgebaut und am 29. April 1973 hier der erste große Renntag, im Juni 1973 die „Badenia“ ausgetragen. Neue Tribüne, edler VIP-Bereich – längst umweht die Waldrennbahn ein Hauch von Ascot, sieht man Damen der Mannheimer Gesellschaft hier mit schicken, teils gewagten Hutkreationen, die spitze Schreie ausstoßen, wenn ihr Favorit gewinnt – oder eben nicht.

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