Mannheim

Kriegsende Zeitzeuge August Gross war als Soldat in vielen Ländern stationiert / Die Bombardierung der Stadt an der Elbe im Februar 1945 erlebt der Mannheimer hautnah mit

„In Dresden hat sogar der Asphalt gebrannt“

Archivartikel

„Als ich nach Hause kam, hatte ich nichts mehr außer meiner dreckigen Uniform“, erzählt August Gross im Gespräch mit dem „MM“. Im Oktober 1945 kehrt der heute 96-Jährige endgültig in seine Heimatstadt zurück – nach vier wirren Jahren, in denen der Mannheimer die Grausamkeiten des Krieges an verschiedenen Orten auf dem europäischen Kontinent erfahren musste. In Mannheim angekommen, macht sich der junge Mann sofort auf den Weg in die Schwetzinger Straße. „Dort hab ich mit meinen Eltern in einer großen Wohnung gelebt. Vier Zimmer, Küche und Bad – das war wunderbar“, erinnert er sich. Von der Herrlichkeit ist jedoch nicht mehr viel übrig. „Alles war völlig zerbombt.“

Alle Brücken gesprengt

Ob die Eltern die Luftangriffe überlebt haben? August Gross weiß es in diesem Moment nicht: „Ich hatte in den Monaten zuvor überhaupt keinen Kontakt zu ihnen.“ Als er die zerstörte Wohnung betritt, stellt er mit Überraschung fest, dass die Küche noch intakt ist – und von einer ihm unbekannten Frau genutzt wird. „Sie hat mir einen Zettel gegeben, den meine Eltern mir hinterlassen hatten. So erfuhr ich, dass sie sich in der Neckarstadt aufhalten.“

Die neue Adresse der Eltern entnimmt er der handgeschriebenen Notiz. Glücklich zu wissen, dass sie noch am Leben sind, macht sich Gross zu Fuß auf den Weg. Doch weit kommt er nicht, am Neckar ist zunächst Endstation. Die Wehrmacht hatte in den letzten Kriegstagen die Brücken gesprengt, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. „Ich habe dann einen Behelfssteg gefunden, über den ich in die Neckarstadt gelangen konnte“, erzählt August Gross. Dort angekommen, kann er seine Eltern endlich wieder in die Arme schließen.

Bereits als Jugendlicher entdeckt August Gross seine Begeisterung fürs Segelfliegen. Nach seiner Zeit beim Reichsarbeitsdienst im Herbst 1941 meldet er sich freiwillig bei der Luftwaffe. „Ich hatte ja alle möglichen Flugscheine gemacht und wurde dann auch zur Rekruten-Ausbildung eingezogen“, so Gross, der diesen Schritt mit anderen Kameraden aus der Quadratestadt ging. „Wir waren die Mannheimer Segelflieger-Bande.“ Zunächst geht es für die Piloten auf die Halbinsel Krim, schnell erfolgt die Versetzung nach Leningrad, das heutige Sankt Petersburg. Fliegen darf er auch dort nicht. Später wird er vor die Wahl gestellt, ob er zur Waffen-SS geht oder Fallschirmjäger werden will. Gross entscheidet sich für die Fallschirmjäger („Die Ausbildung war wirklich hart“) und kommt anschließend an die holländische Nordseeküste.

Bevor er springen muss, wird Gross bei einem englischen Luftangriff schwer am Bein verletzt. Nach erfolgreicher Operation in Chemnitz und anschließender Genesung, reist der Mannheimer nach Dresden zu seinem Fallschirmregiment. Am 12. Februar 1945 kommt er in der Elbmetropole an, die Vorbereitungen auf den nächsten Einsatz laufen. Doch in der Nacht auf den 14. Februar schrecken Gross und seine Kollegen auf: Die Alliierten bombardieren die Stadt. „Dresden stand in Flammen, sogar der Asphalt hat gebrannt. Wir lagen unter einem Güterwaggon und konnten nichts machen“, berichtet Gross. Auch am folgenden Tag gehen die Angriffe weiter. „Die Stadt war voll mit Flüchtlingen aus dem Osten. Lauter unschuldige Menschen mussten sterben.“ August Gross und sein Regiment haben Glück: Am 15. Februar können sie über die noch intakten Eisenbahngleise abreisen.

Flucht vor den Briten

Das neue Ziel heißt Italien. Doch dort ist die Wehrmacht längst auf dem Rückzug vor den Alliierten, die sich langsam nach Norden vorkämpfen. „Ich war in der Nähe von Verona stationiert, musste aber bald vor den Briten flüchten“, erzählt Gross. Mit vier weiteren Kameraden bewegt sich der Mannheimer Richtung Norden – bis sie plötzlich vor einem breiten Fluss stehen. Sämtliche Übergänge sind zerstört, andere Soldaten hatten das Gewässer vor ihnen bereits auf Autoreifen überquert. Zurückgelassene Fahrzeuge in Ufernähe zeugen davon. In ihrer Not werden die fünf Männer kreativ und wandeln ein Scheunentor zum Floß um. „Das hat gut geklappt, auch wenn wir einige Kilometer abgetrieben wurden“, erinnert sich Gross.

Zusammen mit einer motorisierten Luftwaffeneinheit fahren die Männer in die Alpen – und stoßen auf Partisanen. „Die haben geschossen aus allen Ecken. Die Einheit hat mit ihrer Flak gegengehalten – es war ein Inferno“, schildert Gross, der das Gefecht unverletzt übersteht, danach aber von englischen Soldaten gefangen genommen wird. „Da ging es uns schlecht, denn die Engländer hatten selbst nichts zu essen.“

Nach Kriegsende am 8. Mai wird Gross aus seiner süditalienischen Gefangenschaft nach München gebracht. Mit anderen Soldaten ist er auf dem Flughafengelände untergebracht und schläft in einem Zelt. Nach Monaten des Wartens wird er im Herbst entlassen. August Gross packt seine wenigen Habseligkeiten, zieht die Uniform an und macht sich auf den Weg in seine Heimatstadt Mannheim.

Zum Thema