Mannheim

In Erwartung

Archivartikel

Mit dem Fest Christi Himmelfahrt beginnt in der christlichen Kirche eine zehntägige Zwischenzeit: Das Warten auf den Heiligen Geist. Die „Apostelgeschichte“ in der Bibel berichtet in ihrem ersten Kapitel von dieser Zeit im Leben der Jünger Jesu. Die Jünger hatten den auferstandenen Jesus Christus mehrmals gesehen; er hatte mit ihnen vom Reich Gottes gesprochen. Und dann gab er ihnen, bevor er in die Dimension Gottes zurückkehrte, einen ganz merkwürdigen Auftrag: Wartet. „Wartet auf die Verheißung des Vaters: Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und Ihr werdet meine Zeugen sein“.

Und so heißt es, als die Jünger von dem Berg nach Jerusalem zurückkamen, da stiegen sie hinauf in das Obergemach des Hauses, wo sie das letzte Mahl mit Jesus gehalten hatten, wo sie sich aufhielten, und sie beteten. Zehn Tage im intensiven Gebet. Zehn Tage in sehnsüchtiger Erwartung. Jesus war nicht mehr bei ihnen – sie hatten ihn gesehen, wie er zum Vater zurückkehrte. Aber er hatte ihnen gesagt: „Ich werde euch nicht verwaist zurücklassen, ich komme zu euch“ (Johannes 14,18). Die Jünger erwarteten eine ganz neue Gegenwart Gottes in ihrem Leben.

Es geht um heute!

In der christlichen Kirche ist diese Erwartung immer lebendig geblieben, von den Tagzeitengebeten der Mönche bis zum modernen Lobpreis. Sie hat ihren Niederschlag in der Liturgie gefunden, die so etwas wie das kollektive Gedächtnis der Kirche ist, zum Beispiel im Messgesang „Veni Sancte Spiritus“ (im Gesangbuch z.B. GL 344 / EG 125 oder 130). Aber es geht in der Apostelgeschichte um mehr als um Erinnerung. Es geht um heute! Es geht um unser Leben als Christinnen und Christen, um unsere Kirchen, und es geht darum, dass die Kraft Gottes uns heute erreicht und in unserem Glauben erneuert. Vor einiger Zeit hörte ich den päpstlichen Hofprediger Raniero Cantalamessa sagen: Das Obergemach ist noch immer offen. Und zwar für uns. Wir dürfen es betreten, uns einfinden bei den Jüngern im erwartungsvollen Gebet, dass die Kraft des Heiligen Geistes auch auf uns herabkommt.

Das hat mich beeindruckt. Denn ich kenne das schmerzliche Gefühl der Abwesenheit Jesu durchaus immer wieder – warum soll es mir als Pfarrer da besser gehen als den Jüngern Jesu und meinen Mitchristen. Aber das Obergemach ist offen! Ich darf eintreten und bitten, dass der Heilige Geist mich neu erreicht und in meinem Glauben durch und durch erneuert. Wir dürfen das als Gemeinde tun, auch miteinander.

Wir dürfen das als ganze Kirche tun. Wir sind dazu eingeladen, ja sogar herausgefordert – daran erinnert uns diese zehntägige Zwischenzeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten jedes Jahr. Und wer da bittet, der empfängt – so hat es Jesus gesagt. Ich habe die erneuernde, belebende, beglückende Kraft des Heiligen Geistes schon erfahren. Ich wünsche mir mehr davon, viel mehr! Und darum werde ich mich auch in diesem Jahr im Obergemach dort, wo es für mich ist und sein kann, einfinden und beten:

Komm herab, o Heil’ger Geist,

der die finstre Nacht zerreißt,

strahle Licht in diese Welt.

O Heilger Geist, kehr bei mir ein,

und lass mich deine Wohnung sein,

o komm du Herzenssonne.

Komm, Heiliger Geist.

Pfarrer Gerrit Hohage, Ev. Bonhoeffergemeinde, Hemsbach.