Mannheim

Pro & Kontra: Die Meinungen zu der Metallkonstruktion und ihrer Wirkung gehen auseinander

Ist die Fassade der Kunsthalle gelungen?

Gelungen oder nicht? Schon bei der Planung gab es hitzige Diskussionen. Auch jetzt, nach Fertigstellung der Fassade, existieren unterschiedliche Auffassungen zur Wirkung des Neubaus am Friedrichsplatz.

Pro

Es gab ein Modell, es gab Probehängungen per Kran, es gab ein sich über Monate hinziehendes Ringen um den Farbton: Wirklich sehr intensiv haben die Bauherren versucht, die richtige Lösung für die Fassade der neuen Kunsthalle zu finden. Das Ergebnis – es ist, wie stets bei Architektur und Kunst, letztlich eine Geschmackssache. Aber wenn man sich an all die anderen Entwürfe beim Architektenwettbewerb 2012 erinnert, sich die Rahmenbedingungen vor Augen führt, dann ist es ganz überwiegend gelungen.
Es ist kein so wuchtig-monumentales Gebäude geworden, wie es Bruno Schmitz schon 1907 vorhatte. Es ist kein globiger Klotz, kein riesiger „Kunst-Kasten“ aus grauem Beton geworden, der einen erdrückt. Es ist kein so mickriger Bau wie das abgerissene Mitzlaff-Gebäude, aber niedriger als seine beiden Nachbarn, das Maritim-Hotel und das Wohn- und Geschäftshaus mit Arkaden. Es macht Eindruck, aber lässt Luft zum Atmen, bietet einen großen Vorplatz. Es spiegelt die Umgebung – und gestattet von innen nach Außen faszinierende Einblicke in die Umgebung des Friedrichsplatzes.
Natürlich ist es kein Jugendstilbau. Aber man darf 2017 nicht bauen wie 1907. Ein Sandsteinbau, ob mit hellem Material wie Wasserturm und Maritim oder mit roten Quadern wie Rosengarten und Arkadenhäuser, wäre eine billige Kopie gewesen, die niemals an die Originale herangereicht hätte.
Dafür haben wir etwas Besonderes bekommen – eine Spezialanfertigung. Sie wird überregionale Aufmerksamkeit erregen, ist aber nicht zu extravagant-aufdringlich. Denn Friedrichsplatz und Wasserturm als Wahrzeichen dominieren – das durfte sie nicht, das tut sie auch nicht. Das Metallgeflecht bietet eine zwar moderne, vielleicht noch ungewohnte, aber abwechslungsreiche Struktur. Sie erscheint nicht monoton, sondern durch ihre Unterschiedlichkeit aufgelockert. Das Bauwerk ist gegliedert, wirkt nicht abweisend, aber etwas rätselhaft – damit viele Menschen es besuchen. (Peter W. Ragge)

Kontra

Das Wichtigste vorweg: Ob die Fassade gut, schön oder gar gelungen ist oder nicht, werden wir alle wohl in fünf, zehn oder 15 Jahren noch einmal ganz anders beurteilen. Dann nämlich wird sichtbar werden, wie die Materialien gealtert sind, welche Spuren Zeit und Witterung, Mensch und Tier an den jetzt noch so fein glänzenden Metallverästelungen vor den glatt geschliffenen, grauen Betonplatten hinterlassen haben – und da ist, vorsichtig ausgedrückt, bei der Kombination Beton-Metall durchaus Skepsis angebracht.
Aber auch ohne diese Spuren der Zeit müssen wir den Gegnern von damals recht geben: Wo ein attraktiver, atmosphärischer und lichtdurchfluteter Bau versprochen wurde, der mit dem Jugendstilensemble kommuniziert, steht jetzt ein verschlossener Quader, autistisch und seelenlos, ein Quader, der vor allem eines zu wollen scheint: kaschieren. Kaschieren, dass das, was im Innern lebt und sich ja in einer Art Museumsstadt überaus gelungen gestaltet, eigentlich viel mehr Raum in Anspruch hätte nehmen müssen.
Weltabgewandt! So steht der Bau nun an Mannheims schönstem Ort und gleicht einem ambitioniert gestalteten Parkhaus. Mag sein, dass es nachts zu faszinierenden Reflexionen kommt. Mag sein, dass das Gebäude dann sogar eine einladende Gestalt annimmt. Und mag sein, dass vor allem die Aussichten von innen nach außen grandios sind. Nüchtern und bei Tag betrachtet fällt der Blick aber durch das Metallgewebe hindurch auf die hässlichen Betonplatten (hätte man sie nicht sandsteinfarben gestalten können?) Und: Der Altbau Hermann Billings ist übrigens nicht, wie einst im Streit um den Entwurf angeführt, vom Rosengarten aus gut sichtbar. Mit Mühe sieht man die Kuppelspitze.
Fazit: Am besten, wir gehen in die neue Kunsthalle hinein. Dann befinden wir uns nicht nur in einem faszinierenden Kosmos von Raum, Geist und Kunst, sondern blicken hinaus auf einen Friedrichsplatz ohne diesen Missklang. Ach: Wahrscheinlich gehört genau das so zum Konzept… (Stefan M. Dettlinger)