Mannheim

Jesus auf dem Sofa

Archivartikel

Jedes Mal, wenn ich auf der Arbeit bin und unser Besprechungszimmer betrete, ist er schon da, schaut mich intensiv an und erwartet meine Reaktion. Manchmal schon bin ich kurz erschrocken, weil ich an diesem Ort nicht mit ihm gerechnet habe, manchmal ist mir tatsächlich ein Hallo rausgerutscht, weil ich ihn mit einem Gast verwechselt habe und manchmal hab’ ich ihn angelächelt, weil mir sein ungewohnter Anblick gefällt: Jesus auf dem Sofa - unsere Christus-Ikone in der Sitzgruppe. Denn dort steht sie seit ein paar Corona-Monaten. Vorher wohnte sie in unserem Andachtsraum und wir haben sie oft besucht. Vorzugsweise am Mittwoch zum ökumenischen Mittagsgebet. Dieses findet aktuell abstandsbedingt in einem größeren Raum statt, den wir auch für Bildungsveranstaltungen brauchen. Darum sitzt unsere Ikone zwischen den Gebetszeiten auf dem Sofa wie ein geduldiger Gast oder eine einladende Gastgeberin. Ich könnte mich jederzeit dazu setzen und über Angst, Ausnahmezustände und den Alltag in Corona-Zeiten sprechen.

Wir suchen die göttliche Nähe

Und im Mittagsgebet rund um die Ikone versammelt, tun wir das auch: Wir suchen die vertretbare menschliche und die vertretungslose göttliche Nähe; wir hören einander beim leisen Beten zu, segnen einander mit frischen Worten und in alten Formeln. Und sind froh, einander von Woche zu Woche wiederzusehen – wer mal fehlt, wird angerufen oder bekommt eine Email. Wir sind ein kleiner Kreis mit Reichweite. Unsere Bitten für sie alle unterliegen keinem Versammlungsverbot, unsere Gebete kennen keine Ausgangssperre und keine Statistik erfasst, wie wir Hoffnung suchen und finden und wie wir versuchen, einander zu stärken. Und dabei wäre das ein ermutigendes Zahlendiagramm!

Mit Jesus im Sessel und im Mittagsgebet lerne ich, diese anderen Dimensionen immer auch im Blick zu haben. Nicht umsonst heißt unsere Ikone „Christus, der Lehrer“. Denn sie verweist auf mögliche andere Dimensionen von Sehen und Wahrnehmen: Ikonen haben nämlich keine räumliche Tiefe, keine Zentralperspektive. Sie halten sich nicht an die weltlichen Gesetze der optischen Wahrnehmung von Dreidimensionalität. Und zusätzlich ist bei Christus-Ikonen oft eine Gesichtshälfte etwas breiter als die andere. Dadurch sehen wir das Gesicht frontal von vorne und zugleich in einem angedeuteten Profil.

Auf unseren Alltag übertragen, heißt das für mich, meine Wahrnehmung offen zu halten für die Mehrdimensionalität dieser Corona-Zeiten. Frontal haben wir vielleicht Ausmaß und Folgen dieser Pandemie vor Augen, haben Angst und wollen geschützt werden. Aber wir können eben auch andere Perspektiven wahrnehmen, sogar wenn sie nur angedeutet sind. Dazu zähle ich die widerständige Kreativität, mit der Menschen anderen ermöglichen, Kunst, Kultur und Bildung zu erleben. Und die beharrliche Beweglichkeit, mit wir versuchen, einander Seelennahrung zu schenken. Und die mutige Antwortlosigkeit auf Fragen wie „Hat Gott auch das Corona-Virus geschaffen?“ - zusammen mit der Einladung, unsere menschlichen, unsere theologischen Antworten dazu selbst zu suchen. Jetzt geht es nicht darum, vom Glauben abzufallen, sondern darum, zu verstehen, weshalb wir weiterhin Gottvertrauen haben dürfen.

Petra Heilig, Ökumenisches Zentrum Mannheim Sanctclara

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