Mannheim

Religionsgemeinschaften Katholiken und Protestanten bedauern Anstieg bei Austritten

Kirchen: „Die Türen sind und bleiben offen“

Die Mitgliedschaft in ihrer Kirche hat für viele Menschen – auch wenn sie keine regelmäßigen Gottesdienstbesucher sind – eine hohe Bedeutung. Doch für andere nicht. „Mein Verhältnis zur Kirche war immer pragmatisch“, erzählt einer, der sie verlassen hat. Hochzeit, Taufe und Konfirmation der Kinder seien ihm wichtig gewesen, „aber mit der Kirche als Institution habe ich nie viel anfangen können“. Ausgetreten sei er schließlich aus finanziellen Gründen nach seiner Scheidung.

Der Mann wird nicht der einzige sein, der seiner Glaubensgemeinschaft aus materiellen Gründen den Rücken gekehrt hat. Es gibt sogar Steuerberater, die bei der Religionszugehörigkeit als Erstes ansetzen. Auch kirchenpolitische Entwicklungen spielen eine Rolle. So stieg 2014 nach dem Skandal um den katholischen „Prunkbischof“ Franz-Peter Tebartz-van Elst, der seine Limburger Residenz luxuriös umbauen wollte, die Zahl der Austritte sprunghaft an. Dagegen soll sich die Wahl des progressiven Papstes Franziskus positiv auf die Mitgliederentwicklung ausgewirkt haben. Wie genau, weiß man allerdings nicht – wer die Kirche verlässt, muss dabei keine Gründe für diesen Schritt angeben.

Fakt ist: Abgesehen vom Ausreißer-Jahr 2014 und dem anschließenden Rückgang hat sich die Zahl der Kirchenaustritte in Mannheim seit 2012 deutlich erhöht. 2017 verzeichnete die Stadt für beide Konfessionen zusammen 1933 Austritte. Die katholische Kirche registrierte bei sich 936. Ob die bundesweite Entwicklung ähnlich ist, bleibt offen. Die Spitzen der christlichen Glaubensgemeinschaften informieren erst im Juli auf einer gemeinsamen Pressekonferenz über die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr.

Der Weg ist leicht. Man legt im Standesamt oder in den Vorort-Bürgerdiensten seinen Ausweis vor, füllt ein Formular aus, zahlt 30 Euro Gebühr und fertig. Meldebehörde, Finanzamt und Kirche werden anschließend automatisch informiert.

Gesprächsangebot vom Pfarrer

Viele Pfarrämter – in Mannheim sollen es sogar alle sein – schreiben dann den Ausgetretenen und bieten ihnen ein Gespräch an. Auf diese Weise wolle man erfahren, wo es Besserungsbedarf für die Kirche gebe, so der stellvertretende katholische Dekan Markus Miles. „Leider machen nur wenige von diesem Angebot Gebrauch. Die Türen sind und bleiben aber offen.“ Das gilt auch für die Protestanten, wie deren Dekan Ralph Hartmann betont. Man respektiere die Entscheidung der Betroffenen. „Wir sehen die Austritte in einem gesamtgesellschaftlichen Trend, wonach die Bindungsfreudigkeit zu Institutionen generell nachlässt“, sagt Hartmann.

Wer ausgetreten ist, kann sogar kirchlich heiraten, sofern ein Partner der Glaubensgemeinschaft angehört. Trifft das für ein Elternteil und mindestens einen Paten zu, bleiben auch Kindstaufen möglich. Gottesdienste sind ohnehin öffentlich.