Mannheim

Kleine Tiere, große Fragen

Archivartikel

Nachdenklich sitzt der kleine Junge da. Sieben Jahre alt. Zum ersten Mal hat er auf dem Friedhof Abschied genommen. Zum ersten Mal eine Beerdigung erlebt. Er kuschelte sich an seine Mutter. Hinter der Kinderstirn sieht man förmlich die Gedanken rattern. Minuten später sagt er leise seufzend: „Da hätten die Menschen aber zu tun!“ Die Mutter fragt behutsam nach: „Womit hätten die Menschen zu tun?“ Die Antwort des Jungen: „Na, wenn die Menschen auch so aufwendige Beerdigungen machen würden für alle Tiere, die ihretwegen sterben.“

Perplexes Schweigen. Hat der Kleine vom Kükenschreddern gehört, von der Schweinepest? Wohl kaum. Eine kleine Weile sitzen beide da. „Es gibt Friedhöfe für Haustiere“, hebt die Mutter an. Doch der Sohn unterbricht: „Aber nicht für all die Insekten, die jeden Tag getötet werden. Nicht für die Tiere, die sterben, weil sie kein Futter mehr finden bei uns. Weil überall Straßen gebaut werden für Autos. Und die Autos überfahren auch Tiere. Wenn jede Mücke und jede Ameise eine Beerdigung bekommen würde, dann würden die Menschen vielleicht lernen, die Tiere zu achten!“ Das kleine Herz schlägt erregt. Empörung, Schmerz und Kinderliebe zu den kleinsten Tieren regen sich darin.

Macht braucht Grenzen

In der Bibel wird die Welt beschrieben als Schöpfung Gottes. Alle Tiere, alle Pflanzen, alle Gewässer und Kontinente, alles, was da ist, soll da sein. Alles gehört dazu, und diese komplexe Welt der Natur ist gut, sehr gut. Das ist die Botschaft der Schöpfungsgeschichte. Menschen können sich zwar die Natur „untertan machen“. Diese Macht des Menschen über die Natur braucht aber Grenzen, damit das gute Zusammenspiel, das komplexe Wunderwerk nicht aus dem Gleichgewicht gerät. Bloß wie? Eine Kinderidee: Man müsste jedes Tier individuell bestatten. Dann wäre es nicht mehr möglich, achtlos so viele Tiere zu töten. Die Bestattungen würden zu viel Zeit und Mühe kosten. Das Miteinander wäre also geschützt.

Eine biblische Idee sind die Speisegebote der Tora. Auch sie begrenzen die Macht der Menschen, sich an der Natur zu bedienen. Denn sie zwingen zur Achtsamkeit. Es ist genau geregelt, welche Tiere gegessen werden dürfen. Es ist geregelt, wie diese zuzubereiten sind. Und auch, dass Nutztiere würdevoll zu schlachten sind. Die Speisegebote drücken Achtung aus vor allem, was atmet.

Verbote schützen Miteinander

Im Christentum wurden die Speisegebote nicht beibehalten. Es sollte sich nicht an den Essensgewohnheiten entscheiden, wer zur Gemeinschaft gehört. Damals war es sinnvoll, die Freiheit zu betonen. Denn es ging um die Gemeinschaft der Gläubigen. Heute geht es um unser Miteinander mit den nicht-menschlichen Kreaturen. Da hilft nicht Freiheit. Da helfen Regeln. Die dürfen den Alltag ruhig einschneidend und schmerzlich verändern, damit die Welt nicht geplündert wird wie ein . Denn eins ist noch schmerzhafter: Einem Kind zu erklären, dass der Schutz der Tierwürde keine Mehrheiten findet. Es braucht jetzt unbeliebte Verbote, um das zerbrechliche Miteinander zu schützen. Damit aus klugen Jungs alte Männer werden können, die noch mit ihren Enkeln Ameisen beobachten. Und reden können über die kleinsten Tiere und die größten Fragen des Lebens.

Anna Maria Baltes, Pfarrerin der Evangelischen „All-you-can-eat“-Buffet Petrusgemeinde

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