Mannheim

„Können Sie singen?“

Archivartikel

Mein Freund Henning sagt mir immer: „Ach nee, lass mal, ist schon gut – ich kann nicht singen.“ Mit dieser Einstellung wird keiner von uns geboren, diese Einstellung wird erzeugt: Geschwister, die sich lustig machen, ein Onkel, der sagt: „Euer Sohn brummt ja ganz schön“, eine Lehrerin, die meint: „Der Schulchor ist für dich keine gute Idee“. Irgendwann im Laufe der Jugend stellt sich die Überzeugung ein: „Ich kann nicht singen.“ Und dann singt man auch nicht mehr, jedenfalls nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Was heißt das eigentlich, „ich kann nicht singen“? In den meisten Fällen heißt das doch wohl: „Ich kann nicht schön singen“. Ich klinge nicht wie die vielen Sänger und Sängerinnen, die ich täglich im Radio höre, wie die Kollegin, die hobbymäßig in einer Band vor dem Mikro steht, wie die Nachbarin, die im Kirchenchor mitmacht. Der Schritt von, „so schön kann ich nicht singen“ zu „ich kann gar nicht singen“ ist oft nur ein sehr kleiner.

Einer meiner Lieblingspsalmen ist Psalm 148:

Alles singt: Singt dem Herrn Sonne und Mond, lobsingt ihm, all ihr leuchtenden Sterne;

Singt ihm, alle Himmel und ihr Wasser über dem Himmel!

Singt dem Herrn, ihr auf der Erde, ihr Seeungeheuer in der Tiefe,

Feuer und Hagel, Schnee und Nebel, du Sturmwind, der sein Wort hinausruft,

Ihr Berge und all ihr Hügel, ihr Fruchtbäume und alle Zedern,

Ihr wilden Tiere und alles Vieh, Kriechtiere und Vögel,

Ihr Könige der Erde und alle Völker, ihr Fürsten und alle Richter auf Erden,

Ihr jungen Männer und auch ihr Mädchen, ihr Alten mit den Jungen!

Singen sollen sie dem Namen des Herrn!

Gott dem Herrn ein Loblied

Wie das wohl klingt, wenn Hagelkörner und Sturmwind singen? Welche Töne gehen von den Seeungeheuern aus? Welche Harmonien entstehen, wenn alle wilden Tiere, alles Vieh und alle Vögel ihre Stimmen vereinigen? Psalm 148 malt ein reiches Klangbild der ganzen Schöpfung, die Gott dem Herrn ein Loblied singt. Und Teil dieses Lobliedes sind wir alle, hohe Herrschaften und einfaches Volk, Männer und Frauen, Alte und Junge. In diesem großen Chor geht es nicht darum, ob der Ton gehalten wird, ob die Intonation stimmt, ob ich strahlend in die Höhe komme. Hier geht es nicht um Schönheit, es geht um ein begeistertes Miteinander.

Begeistert miteinander singen schafft Gemeinschaft. Ob beim Rudelsingen in der Kneipe, in Synagoge, Kirche oder Moschee beim Gottesdienst oder auch auf einer politischen Kundgebung. Gerade da zeigt sich, dass unterschiedliche Geister hörbar werden. Werden Hassparolen gegrölt, Angst geschürt und Mauern errichtet? Oder werden Mauern niedergerissen, Solidarität stark gemacht und Menschenwürde verteidigt? Die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten war nicht zuletzt auch eine Singbewegung, die ihre Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit in Liedern zum Ausdruck brachte. Ich glaube, es ist wieder an der Zeit, mit solchen Liedern auf die Straße zu gehen und gemeinsam für ein friedliches und versöhnliches Miteinander zu singen.

Am 3. Oktober ist dazu Gelegenheit. Kommen Sie ab 14 Uhr zum Alten Meßplatz zur Kundgebung und Demonstration für Demokratie, Menschlichkeit und Rechtsstaat. Singen Sie mit!

Pfarrer Dr. Joachim Vette, Ökumenisches Bildungszentrum sanctclara