Mannheim

Kümmere dich!

In unserer Familie war ich der Jüngste – und ein Nachzügler. Meine beiden großen Schwestern sind sieben und neun Jahre älter als ich. Beide behaupten Ungeheuerliches: Als ich da war, sei ihre Kindheit zu Ende gewesen. Nicht nur, dass ich als kaum Einjähriger schon laufen konnte, ich hatte überdies herausgefunden, wie die lästigen Grenzen des Laufstalls zu überwinden waren. Der hierdurch entstehende Betreuungsaufwand ging zulasten meiner beiden Schwestern. Familiengeschichtlich überliefert ist der Wortlaut, mit dem die jüngere von beiden sich unserer Mutter gegenüber schließlich Luft machte, um sich der ungeliebten Aufgabe zu entziehen: „Kümmere du dich um ihn.“

Das Wort „Kümmern“ gibt es sprachlich in zwei Ausfertigungen: Einmal „schwach“, weil auf Begleitung angewiesen („sich um die Zimmerpflanze kümmern“) und einmal stark, weil ohne Begleitung auskommend. Die Zimmerpflanze kümmert dann noch einige Tage vor sich hin, bis sie verkümmert ist. Dann allerdings ist der Kummer groß. Die Moral von der Geschichte? Wer sich und anderen Kummer ersparen will, sollte sich rechtzeitig kümmern. Leider scheint auch das zu stimmen: Wenn wir uns um nichts kümmern, macht uns auch nichts Kummer. Dieser Weg Kummer zu vermeiden, ist zwar populär, aber auf die Dauer nicht zuträglich. Da hilft nur eines: Sich darum kümmern, dass uns etwas Kummer macht!

Wie Gott mir, so ich dir

Wenn wir beginnen, uns zu kümmern, stehen Mitleid oder Mitgefühl mit dem Kummer einer anderen Person am Anfang. Wir werden feststellen, dass uns nicht nur der Kummer rühren kann, sondern auch die Freude anderer Menschen. Man könnte auch sagen: Wo mich etwas berührt, fange ich an, mich zu rühren – und dann kümmere ich mich endlich. Und worum müssten wir uns zuallererst einmal kümmern? Vielleicht darum, dass uns tatsächlich noch etwas Kummer bereiten kann, dass uns etwas berührt, damit wir anfangen uns zu rühren. Was dabei hilft? Der Versuch, mit den Augen eines anderen zu sehen. Aufmerksam zuhören und Gegenargumente ernst nehmen, einschließlich der unliebsamen Aufgabe, Argumente von Parolen zu unterscheiden. Gemeinsame Erfahrungen suchen, bevor man sich voneinander abgrenzt. Damit aufhören, anderen nach dem Mund zu reden und stattdessen das eigene Gewissen ernst nehmen. Wir haben uns angewöhnt, Anteilnahme und Hilfe an Bedingungen zu knüpfen. Der Maßstab für den Grad unserer Zuwendung ist das (Wohl-)Verhalten des Hilfebedürftigen.

Jesus sieht das anders. Er fordert auf: „Werdet barmherzig, wie euer Vater (im Himmel) barmherzig ist.“ Heute würde es vielleicht so klingen: „Macht die Antwort auf die Frage, ob jemand es verdient haben könnte, dass ihr euch kümmert, nicht von dessen Verhalten abhängig, sondern vom Verhalten Gottes.“ Nicht: Wie du mir, so ich dir. Sondern: Wie Gott mir, so ich dir.

Sie werden erstaunt sein, wie viel Kummer dann auf Ihr Kümmern wartet. Sie werden entdecken, wie viel Kräfte diese Art des „Sich-Kümmerns“ freisetzt, wie viele sich von Ihrem Engagement anrühren lassen, sich zu rühren beginnen und sich mit Ihnen kümmern – gelegentlich auch um die erforderlichen Verschnaufpausen, denn es ist durchaus erlaubt, sich an Gott zu wenden, wenn es zu viel zu werden droht: „Kümmer dich!“

Helmut Krüger, Pfarrer der Evangelischen Erlösergemeinde Seckenheim

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