Mannheim

Filmschätze Historisches Dokument zeigt Tierpark und Kinderkarussell im Mannheimer „Waldparkrestaurant am Stern“ / In den 1950er Jahren abgerissen

Längst vergessene Idylle im Grünen

Archivartikel

Die Bilder sind dunkel, verwackelt – aber seltene Zeugnisse einer längst vergangenen, ja nahezu vergessenen Idylle: Den Tierpark vom Mannheimer „Waldparkrestaurant am Stern“ zeigen private Aufnahmen, die dem Marchivum übergeben wurden und nun zu den Filmschätzen zählen, die durch Digitalisierung der Nachwelt erhalten werden.

„Es ist erfreulich, zu sehen, wie viele Bürger sich bereits mit ihren Filmschätzen bei uns gemeldet haben“, so Désirée Spuhler, die Leiterin der Audiovisuellen Sammlung beim Marchivum. Martin Sättele, Vizepräsident der Handwerkskammer Mannheim/Rhein-Neckar-Odenwald, zählte dazu, und von ihm stammen auch die – undatierten – Aufnahmen aus dem Waldpark.

Sie beginnen mit dem Schild „Zu den Tieren“. Erst schlägt ein Pfau ein prachtvolles Rad, dann greift ein Äffchen durch den Zaun nach Futter, werden Gänse und Ziegen gefüttert. Vögel flattern in einem Gehege umher, ein Mann mit Zigarre wirft Brot- reste zu umherwuselnden Wildschweinen. Schließlich dreht sich ein Karussell mit vielen glücklich winkenden Kindern.

Wann genau die Bilder entstanden sind, lässt sich nicht genau feststellen – vermutlich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Restaurant jedenfalls gibt es seit 1911, nach den Plänen des Architekten Neckenauer erbaut und vom Mannheimer Stadtrat Adolf Bayerle, bekannt vom Schlachthofrestaurant, am zentralen Punkt des Waldparks betrieben. Ab 1921 übernimmt es Jakob Kohl, dessen Sohn Ludwig es bis 1. Oktober 1954 weiterführt. Dann wird das Gebäude, im Krieg durch eine Luftmine 1944 stark zerstört und schließlich verfallen, abgerissen. „Ein stadteigener Schandfleck“, titelt der „Mannheimer Morgen“ zuvor, weil die Stadt das ihr gehörende beliebte Ausflugsziel viel zu lange habe verkommen lassen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg (1939-1945) stellt es eine Attraktion dar – mit einem Saal für bis zu 400 Gäste sowie bis zu 2000 Sitzplätzen im Freien mit Tanzfläche, Musikpavillon und Spielplatz. Jakob Kohl organisiert Tanzturniere, bietet Livemusik, und sorgt für einen Droschkenverkehr durch den Waldpark. Als „Sensation“ gilt in den 1930er Jahren die Einrichtung des Tierparks. Zeitweise leben hier sogar zwei vom Zirkus Sarassani der Stadt gestiftete Löwen. Der Bär hat einmal den Wärter angegriffen und getötet – alles längst Geschichte. Nur eine freie Fläche deutet heute noch darauf hin.

„Waldpark“ wird das Areal seit 1905 genannt. Zunächst handelt es sich um den Gemeindewald von Neckarau, das am 1. Januar 1899 von Mannheim eingemeindet wird. Damit kommt auch das riesige, 270 Hektar große Areal ins Eigentum der Stadt. Überwiegend handelt es sich um Überschwemmungsgebiet des Rheins, einst ist hier auch der Neckar in den Rhein geflossen.

Mächtige Bäume

Die „Fasaneninsel“ – einst dem Kurfürsten gehörend – erwirbt der Mannheimer Industrielle Carl Reiß mit einem Partner. Er will sie wirtschaftlich nutzen – und entschließt sich dann doch, die Natur unangetastet zu lassen. Hier sollten Bäume „wachsen und fallen, wie die Natur es bestimmt“, formuliert er in seinem Testament und vermacht die Insel der Stadt, der sie nach dem Tod von ihm und seiner Schwester Anna 1916 zufällt. „Reiß-Insel“ heißt sie seither und ist sogenannter „Bannwald“, der nicht bewirtschaftet, sondern unter strengem Naturschutz sich selbst überlassen wird.

Heute ist das Areal ein beliebtes, stadtnahes Naherholungsgebiet zwischen Stephanienufer und „Silberpappel“, mit zahlreichen mächtigen Bäumen und durchzogen von Spazierwegen und Wasseradern sowie vielen romantischen Plätzen. Nur der Stern des Ausflugslokals am „Stern“, der ist untergegangen.

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