Mannheim

Erlebnisse Miriam Marhöfer ist aktiv bei „Rent a Jew“ / Kantor Amnon Seelig trägt weiter die Kippa

Lebensfreude vermitteln

Man hat sie gewarnt. „Du Jude“ sei ein ganz übliches Schimpfwort auf dem Schulhof dieser Berufsschule. „Aber nach anfänglicher Skepsis war es dann doch positiv, Muslime haben Parallelen unserer Religionen erkannt und wir wurden zum Abschied umarmt“, erzählt Miriam Marhöfer. Man kann die 39-Jährige nämlich „buchen“. Sie und Michael Friedman sind in Mannheim für das Projekt „Rent A Jew“ (Miete einen Juden) der europäischen Janusz Korczak Akademie unterwegs – ehrenamtlich. Und weil die Resonanz so groß ist, werden demnächst zwei weitere Ehrenamtliche in Mannheim mitmachen. „Ich merke auch, dass wir an unsere Grenzen kommen, weil die Nachfrage steigt“, hofft Marhöfer, dass ein Antrag auf Zuschüsse bewilligt wird: „Das ist ja Bildungsarbeit, was wir machen“, bekräftigt sie.

Sie besuchen Schulklassen, Kirchengemeinden, Vereine oder Parteien, um jüdisches Leben zu erklären. Das reicht von Feiertagen bis zu koscherem Essen. „Wir wollen auch unsere Lebensfreude vermitteln“, so Marhöfer. „Die Resonanz ist sehr positiv, sonst würde ich das auch nicht machen“, betont sie. Sie erlebe „viele Fragen, viel Unwissenheit, viel Unsicherheit“. Ja, manchmal schwinge bei Fragen „unterschwellig Antisemitismus mit, manchmal Unwissenheit“. Aber dass es Antisemitismus gebe, das stehe außer Zweifel. Das habe sie bereits im Gymnasium erlebt, von Mitschülern oder auch Lehrern. 

Im Café beschimpft

Es passierte in einem Café in den Quadraten: „Dumme Israelis“ schrie plötzlich eine Frau, als sie sah, dass Amnon Seelig (Bild) eine Kippa trug. „Ein Einzelfall“, sagt der 1982 in München geborene Musiker, der seit April 2017 Kantor und damit Vorbeter der Jüdischen Gemeinde Mannheim ist. Aber dann fallen ihm doch noch mehr solcher Einzelfälle ein. Dass ihm am Friedrichsring mal zwei südländisch aussehende Schüler „Fuck Israel“ nachgerufen haben. Oder dass Wahlplakate in der Nähe seines Wohnhauses mit „Jude raus“ beschmiert worden seien.

Seelig hat die Vorfälle jeweils weitergemeldet, an die Polizei und den Antisemitismusbeauftragten. Aber er will sie nicht verallgemeinern. „Ich werde auch oft höflich und freundlich angesprochen, dass Leute sich freuen, wenn sie mich erkennen“, sagt er. Insgesamt halte er Mannheim für eine „offene, liberale Stadt“, versichert der Kantor: „Ich fühle mich hier wohl, trotz einem großen Anteil muslimischer Bevölkerung, und trage meine Kippa weiter mit Stolz, weil sie zu meiner jüdischen Identität gehört“, betont er. Er räumt aber auch ein, dass einige Mitglieder der Jüdischen Gemeinde inzwischen statt der Kippa lieber Hüte oder Kappen tragen oder ganz auf die Kopfbedeckung verzichten. Doch für ihn komme das nicht infrage: „Ich verstecke mich nicht“, so Amnon Seelig.

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