Mannheim

Fasnacht Über dreistündige Prunksitzung der Karnevalskommission im Musensaal zum Auftakt der Kampagne / „Tontauben“ als gute Stimmungsmacher

Leistungsschau mit Tanz und scharfer Zunge

Archivartikel

Sie klatschen mit, sie singen mit, sie tanzen im Gang zwischen den Tischreihen, und dann formiert sich sogar eine Polonaise: Die „Tontauben“ schaffen es, das Publikum mitzureißen. Bei der Prunksitzung der Karnevalskommission zum Auftakt der Fasnachtssaison sind es die fünf Sänger des Carnevals-Club Waldhof (CCW), die im voll besetzten Musensaal für die beste Stimmung sorgen.

„Werbung für die Fasnacht machen, dafür sind wir doch hier“, formuliert es CCW-Sitzungspräsident Rolf Remmele, und das gelingt der CCW-Gesangstruppe am Besten an diesem Nachmittag. Er soll „ein Querschnitt durch die Mannheimer Fasnacht sein“, so Moderator Manfred Bachthaler („Fröhlich Pfalz“).

Allein der Einmarsch ist eine Art Leistungsschau. Bei Feuerio und CCW zum Beispiel hört die Marschreihe gar nicht mehr auf – da reichen kaum vier Reihen auf der Bühne, um sich aufzustellen. Die „Stroseridder“ beeindrucken mit ihrer kräftig angewachsenen Brass Band. Die erst 2018 von Elvira Jacobi gegründete, lose Gruppe „Princess forever“ bietet inzwischen fast 30 ehemalige Lieblichkeiten auf – darunter Johanna Mäder, die 1974 die „Spargelstecher“ regierte, als Dienstälteste. Andere Vereine sind indes so geschrumpft, dass man sich wundert, wie selbstbewusst sie noch in den Saal einziehen.

„Aber alle hier machen das ehrenamtlich, trainieren und probieren das ganze Jahr dafür“, verweist Thomas Dörner, Präsident der Karnevalskommission, auf das große Engagement und die Jugendarbeit aller 23 Mitgliedsvereine der Dachorganisation. Dann fordert Stadtprinzessin Daniela I. auf, dass es richtig los geht: „Wir geben richtig Gas!“

Kampf für „Sarotti-Mohr“

Dem ist aber nicht so. Horst Karcher, „Stichler“-Ehrenpräsident und mit seiner Quetschkommode Urgestein der Fasnacht, wählt leider eher unbekanntere Titel, die gar nicht so gut ankommen. Erst Daniela I. ermuntert ihn, seinen alten Hit „Pudelnackisch“ zu singen. Außer den „Tontauben“ vom CCW gibt es noch eine weitere Gesangsformation: „Löwenjägerspatzen“ nennen sich die fünf Aktiven der „Löwenjäger“, die sich mit Hits wie „Schatzi, schenk mir ein Foto“ oder „Traum von Amsterdam“ gleich als Stimmungsmacher bewähren.

Von den „Löwenjägern“ kommt auch eines der drei Tanzmariechen, die beeindruckend grazil und rasant über das Musensaal-Parkett fegen: Celina Reischl (16). Der Feuerio schickt gleich zwei Mariechen, die gute Werbung für den karnevalistischen Tanzsport machen: Angelina Kaa (8)und Emilia Müller (12). Der CCW steuert zudem noch einen großen Gardetanz bei, und der „Zirkus“-Schautanz der „Stichler“ über Dressur von Tigern, Affen und Zebras ist nicht nur optisch ansprechend gestaltet, sondern am Ende auch ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Respekt vor Tieren.

Leidenschaft – das trifft bei den Büttenrednern auch am meisten auf Feuerio-Protokoller Alexander Fleck zu, der mit Abstand am besten ankommt. Mit Angela Merkel geht er ebenso hart ins Gericht wie mit SPD und Grünen, heftig geißelt er die katholische Kirche („Gott braucht keine Kinderschänder“) und ganz aktuell die Äußerungen dazu von Kardinal Walter Brandmüller. Da gibt es ebenso viel Beifall wie bei seiner Verteidigung von „Mohrenköpfle“ und dem – als rassistisch kritisierten – Werbeschild mit dem „Sarotti-Mohr“ im Capitol. „Fröhlich Pfalz“-Till Thomas Friedl hat eine kleine Figur vom „Sarotti-Mohr“ sogar mitgebracht. „Sind denn die im Kopf noch klor, ein Hoch auf den Sarotti-Mohr“ – bei dieser Passage bekommt er am meisten Applaus. Auch er ist wie Fleck inhaltlich stark, sehr vielfältig und kritisch, doch sein Vortrag noch nicht so ausgefeilt – aber es ist ja auch erst Anfang der Kampagne.

Angelika Remmele vom CCW belässt es daher bewusst dabei, mit einem Ausschnitt ihrer Bütt Appetit zu machen. Dagegen bietet das „Duo Infernale“ der „Stichler“ nur altbackene, abgedroschene Lästereien über sich selbst und Männer.

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