Mannheim

Coronavirus Auch junge Menschen können zur Risikogruppe zählen – Leukämie-Patientin wünscht sich weiterhin Solidarität von Gesunden

Leukämiekranke Mannheimerin appelliert an ihre Mitmenschen

Archivartikel

Sandra Velemirovic ist 30 Jahre alt und an Leukämie erkrankt. Ihr erster, längerer Krankenhausaufenthalt war vor der Pandemie. Jetzt ist sie meistens zuhause, muss sich jedoch weiterhin isolieren. Die gebürtige Mannheimerin erzählt von ihrem Alltag und ihren Sorgen, und appelliert an die Solidarität ihrer Mitbürger.

Frau Velemirovic, wie geht es Ihnen zurzeit?

Sandra Velemirovic: Ich bin ich sehr schläfrig wegen der Nebenwirkungen der Chemotherapie. Mein Puls ist erhöht, deswegen kann ich nicht so viel Sport machen. Mit Sport meine ich: auf dem Hometrainer Fahrrad fahren. Hier im Uniklinikum hat jeder Patient ein Fahrrad im Zimmer, um fit zu bleiben. Eigentlich habe ich das auch zuhause immer durchgezogen. Im Moment schaffe ich es manchmal, einen langen Spaziergang zu machen, wenn überhaupt.

Sie haben im Vorgespräch erzählt, dass Sie an Neujahr die Diagnose Akute lymphatische Leukämie (ALL) bekommen haben. Bis Ende Februar waren Sie dann auf der Isolierstation im Universitätsklinikum Mannheim. Wie war das?

Velemirovic: Eigentlich hatte ich Glück. Auf der Isolierstation war Besuch erlaubt, wenn auch eingeschränkt. Aber fast jeden Tag ist jemand zu mir gekommen: meine Eltern, meine Schwester, Schulfreundinnen, Leute aus meinem Tanzverein. Ich hatte jemanden, mit dem ich reden konnte, das fand ich sehr wichtig am Anfang der Krankheit.

Stimmt - das war bevor es ein generelles Besuchsverbot im Zuge des Lockdowns gab. Wie hat Sie der Lockdown betroffen?

Velemirovic: Als der Corona-Lockdown losging, war mein größter Klinikaufenthalt Gott sei Dank schon vorbei. Für mich hat es also keinen riesengroßen Unterschied gemacht. Ich kenne das Gefühl, isoliert zu sein, schon von meiner Krankheit aus. Mir war klar, dass ich mich sehr schützen muss. Deswegen war das für mich jetzt kein Schock.

Sind Sie auch im Lockdown spazieren gegangen?

Velemirovic: Ja, im Herzogenried, abends meistens. Als die Krise angefangen hat, waren nicht so viele Leute auf der Straße. Wenn ich zur Blutabnahme komme, gehe ich immer am Neckarufer spazieren. Als der Lockdown war, bin ich dabei niemandem begegnet. Ich war da ganz allein. Darum hatte ich schon das Gefühl, dass die meisten hier in meiner Umgebung sich an die Verhaltensregeln gehalten haben.

Haben Sie Angst davor, sich mit dem Coronavirus anzustecken?

Velemirovic: Angst habe ich nicht. Ich stehe jedenfalls nicht morgens auf und denke: „Hoffentlich werde ich nicht angesteckt.“ Ich habe es aber ständig im Hinterkopf und achte präzise auf Hygiene und Abstände, vor allem, wenn ich rausgehe. Dabei trage ich zusätzlich Handschuhe und fasse nichts an. Zur Klinik fahre ich mit dem Taxi. Wir zuhause empfangen gar keinen Besuch.

Wie sieht ihr Genesungsalltag aus?

Velemirovic: Meistens stehe ich zwischen 6 und 7 Uhr, spätestens um 8 Uhr auf. Dann frühstücke ich langsam, nehme Medikamente. Oft lege ich mich dann nochmal hin. Dann wasche ich mich, ziehe mich an. Ich creme meine Haut häufig ein, weil sie sehr trocken ist. Drei Mal am Tag nehme ich Medikamente, mittags und abends also nochmal. Dazwischen gibt es eine Mundspullösung, die ich mindestens vier Mal am Tag anwende. Die verhindert Pilze und Infektionen. Danach muss ich eine halbe Stunde warten, dann Zähne putzen. Wenn ich das schon erfülle an einem Tag, habe ich auch gar nicht mehr so viel Zeit für anderes. Ich konzentriere mich sehr stark auf die Therapie. Manchmal ist es auch so, dass ich auch mittags nochmal zwei Stunden schlafe, wenn ich nach dem Mittagessen müde bin. Generell schlafe ich viel - meist liege ich um 21 Uhr im Bett. Was die Freizeit angeht: Ich habe bislang anderthalb Bücher gelesen und vor zwei Wochen angefangen zu Sticken.

Das klingt so, als ob das Coronavirus - außer, wenn Sie aus dem Haus gehen - nicht in Ihrem Alltag präsent ist.

Velemirovic: Ich hätte mich auch so isolieren müssen, auch ohne das Coronavirus. Ich hatte Angst, dass es Engpässe bei Medikamenten geben könnte, aber da hatte ich immer Glück. Bis jetzt habe ich alles noch bekommen. In der Ambulanz werden Sicherheitsabstände gehalten, es wird Mundschutz getragen, es gibt Desinfektionsgel. Die Schwestern achten darauf, dass nicht zu viele Leute im Warteraum sind. Wenn ich stationär aufgenommen werde, werde ich jedes Mal auf das Virus getestet. Die Klinik ist sehr achtsam, was das betrifft.

Mit wie vielen Menschen haben Sie im Alltag Kontakt ohne Abstandsbeschränkungen?

Velemirovic: Eigentlich mit fast niemandem so richtig. Ich wohne wieder bei meinen Eltern, auch meine Schwester wohnt bei uns. Meine Familie geht auch für mich einkaufen. Aber gemeinsam im Wohnzimmer Kaffee trinken, das machen wir nicht. Ich esse alleine.

Was denken Sie über die Lockerungen - mit denen die Gesunden sich wieder mehr Risiken aussetzen, die letztlich auch Sie gefährden können?

Velemirovic: Ich denke, dass mit viel Verantwortung an die Lockerungen gegangen wird. Ich kann es nur aus meiner zuschauenden Perspektive sagen: Ich habe zum Beispiel von einem Mannheimer Modegeschäft eine E-Mail bekommen, in der die Verantwortlichen geschrieben haben, wie sie mit den Lockerungen umgehen und den Sicherheitsabstand einhalten wollen. Ich fand es ganz gut, dass sie das den Kunden nochmal mit auf den Weg geben, da war ich positiv überrascht.

Sie sind 30 und damit in einer Altersgruppe, die sonst besonders viele Kontakte hat, sich in Bars und Restaurants trifft. Daran können Sie nicht teilhaben. Wie geht es Ihnen damit?

Velemirovic: Das ist schon sehr schade, das muss ich zugeben. Ich versuche es einfach, positiv zu sehen, dass ich, wenn ich mich jetzt darauf konzentriere, dass ich genese, dass ich danach auch mehr vom Leben habe. Man hat sehr gute Genesungschancen mit meiner Krankheit. Ich freue mich jetzt einfach auf das, was danach kommt. Ich war auch vorher viel reisen und viel unterwegs, da bin ich froh drum. Aber es ist schon schwierig momentan: Ich bin sehr viel alleine. Mir kommt auch manchmal der Gedanke: „Wie schön wäre es, wenn das Leben jetzt weiter ginge.“ Aber das ist momentan nicht möglich für mich. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Weil ich sowieso nichts daran ändern kann.

Und dann gibt es noch Mundschutzverweigerer, Corona-Leugner, Menschen, die sich nicht an die Hygieneregeln halten. Was würden Sie so einer Person gerne sagen?

Velemirovic: Dass Sie ein Mensch ist, der überhaupt kein Mitgefühl, kein Gesellschaftsgefühl hat. Ich wünsche den Corona-Leugnern natürlich trotzdem ein schönes Leben. Aber wenn ihnen irgendwann etwas passiert, dann werden sie womöglich an ihre Fahrlässigkeit denken. Sie verhalten sich einfach unsolidarisch. Groß heraus zu posaunen, dass man Verweigerer ist, das ist ja wie im Kindergarten.

In der ersten Phase war das oberste Gebot: Zuhause bleiben, um Risikogruppen zu schützen. Was würden Sie sich jetzt in der zweiten Phase der Pandemie von uns Gesunden wünschen?

Velemirovic: Ich wünsche mir, dass sie sich weiterhin solidarisch verhalten. Dass sie auch jetzt nicht im Übermaß Leute treffen - es muss nicht alle zwei Tage sein, sage ich mal. Dass auch sie die Hygieneregeln einhalten, Mundschutz tragen und sich die Hände waschen, wenn sie nach Hause kommen. Auch zuhause kann man Desinfektionsmittel benutzen - das ist überhaupt nichts Schlimmes und kommt auch Gesunden zugute. Einfach an die Alltagshygieneschritte denken, das würde das Risiko von neuen Ansteckungen schon mindern.

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