Mannheim

Licht im Dunkeln

Am Ende des Jahres 2019 mag manch einem von uns die Frage auf den Lippen liegen: Wohin geht unsere Welt? Irgendwie scheint es gerade, als hätte die Menschheit ihren Halt verloren. Es ist, als ob man irgendwo in tiefer Finsternis versucht, auf einem Balken zu balancieren, um einen Abgrund zu überqueren. Jeder rudert mit den Armen und sucht auf seine Weise etwas zum Festhalten – aber der Griff geht ins Leere. Genau so kommen mir die vielen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen vor, die überall zu beobachten sind. Letztlich wirkt dieses Konzert der Kakophonie wie ein großer gemeinsamer Hilferuf.

Mich erinnert das alles an ein Bibelwort, das in der Adventszeit öfters zitiert wird: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker (Jesaja 60,2)“. Manchmal redet die Bibel laut und deutlich in unsere Zeit hinein. Dieses Wort trifft genau den Punkt, was heute passiert: Dunkelheit zieht herein. Ich sehe sie jeden Tag in den Meldungen in der Zeitung, den Nachrichten im Fernsehen, in dem, worüber sich Menschen unserer Gesellschaft empören, ohne dass ihre Empörung irgendetwas zum Guten bewegt. In Gottes Wort kommt das vor. Gott weiß, wie es unter uns zugeht, was uns bewegt und auch ängstigt. Wir sind nicht allein damit. Das finde ich sehr tröstlich.

Mehr als nur Rührung

Aber dieses Prophetenwort bleibt bei der Finsternis nicht stehen. Damit das Leben neu und anders werden kann, brauchen wir erst einmal Abstand vom Alten – eine neue Fokussierung auf das Andere. Dafür steht das Aber: „… Aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Was für ein Trost: Es gibt für uns ein Licht in dieser Welt, das Neues wachsen lassen kann. Wenn wir es finden wollen, dann suchen wir in der Adventszeit genau richtig: Wie der Stern von Bethlehem über dem Stall aufging, in dem Jesus geboren wurde, so erschien Gott selbst in diesem Jesus in unserer Welt. Da geht es um mehr als ein einzelnes Ereignis der Geschichte. Denn Jesus kam nicht, um wieder zu gehen, und auch nicht, um für ein wenig Rührung unterm Christbaum zu sorgen. Er kam zu uns als einer von uns, um bei uns zu sein und zu bleiben, und um uns den Weg zu zeigen, auf dem wir in die Zukunft gehen können.

Im Lukasevangelium finden wir in der Geschichte, in der Jesu Geburt angekündigt wird, die Worte: „(Er) richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1,79). Wieder ein Satz genau für uns. Denn es ist ja gerade der Friede, der uns heute abhandenkommt – durch die Anspannung und den Stress, durch den ruppigen Umgangston, durch das Zerfallen des Gemeinwesens und durch ungehemmten Egoismus in der Weltpolitik.

In diese Finsternis bricht in diesem Jahr die Botschaft von Weihnachten hinein und sagt: Stop! Ist Gott nicht genau deshalb zu uns gekommen in Jesus Christus, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu stellen? Wie sehr brauchen wir Jesus Christus heute ganz persönlich. Im Gebet und in seinen Worten an uns, die in der Bibel stehen, ist er zu erreichen, beispielsweise in der Bergpredigt, in der er uns auf den Weg des Friedens stellt. Seine Herrlichkeit kann über uns aufgehen. Eine reale Erfahrung, die wir machen können, wenn wir uns auf ihn fokussieren anstatt auf das, was uns an der Welt stört, und ihn fragen: „Jesus, was sagst du mir heute?“ Das wünsche ich uns allen für diese Adventszeit.

Pfarrer Gerrit Hohage, Evangelische Bonhoeffergemeinde Hemsbach

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