Mannheim

Filmschätze Langsam verblassende Farbaufnahmen von 1985 erinnern an die wechselvolle Geschichte der Krempelmärkte

Liebenswertes buntes Chaos

Man sieht, wie noch alte D-Mark Scheine den Besitzer wechseln, wie längst nicht mehr im Umlauf befindliche Münzen klimpern, wie sich Teddys, Taschen, Tüten, Teekannen stapeln, Kartons auftürmen, die Stangen von Kleiderständern unter der Last durchbiegen. Aufnahmen vom Krempelmarkt 1985 – sie zählen zu den historischen Filmschätzen des Marchivums, Mannheims Archiv, von denen wir jeden Donnerstag an dieser Stelle einen Streifen vorstellen.

Es sind langsam verblassende Farbaufnahmen, die nur durch Digitalisierung vor dem endgültigen Verfall gerettet werden können. Aber sie geben ein prima Bild ab von dem liebenswürdigen bunten Chaos, von dem lebendigen, dichten Treiben auf dem Neuen Messplatz.

Die Aufnahmen stammen aus einem „Jahresfilm“, wie man das seinerzeit nennt. Der damalige Oberbürgermeister Gerhard Widder, 1983 bis 2007 an der Spitze der Stadt, wollte eine filmische Dokumentation des Stadtgeschehens. Beauftragt wurde der Berufsschullehrer Dirk Lindemann. Michael Caroli, Stadthistoriker beim damaligen Stadtarchiv (heute Marchivum), schrieb das Drehbuch und die Texte. 1991 war Schluss mit der Reihe, dann ging der Stadt das Geld dafür aus.

Das Video von 1985 stellt die Frage: „Ist er der Größte oder nicht?“ Wenn die Kamera so über das riesige, sehr dicht belegte Areal des Neuen Messplatzes streift, hat man daran eigentlich keinen Zweifel – aber beantwortet wird die Frage nicht. Jedenfalls liege der „Mannheimer Flohmarkt in der Bundesrepublik vorn“, betont die Sprecherin. Sie knüpft an die „Krempelmärkte“ des 19. Jahrhunderts an – damals Gebrauchtwarenmärkte für Stadtbürger. Heute seien Verkäufer und Publikum „geradezu international“, streicht sie heraus: „Nur Profis werden nach Möglichkeit ferngehalten“. Dazu sieht man dicke, klobige alte Fernseher, mechanische Schreibmaschinen, unzählige Haushaltswaren, Lampen, Kleider und Spielzeug, die von Menschen aller Generationen angeboten werden, um die gehandelt, ja voller Leidenschaft gefeilscht wird.

Den ersten Krempelmarkt der neuen Generation gibt es 1970 – durch Zufall. Der Mannheimer Einzelhandelsverband richtet damals eine große Aktion unter dem Motto „Mannheim aktiv“ aus, wozu auf dem Parkplatz in N 1 – wo heute das Stadthaus steht – ein Festzelt aufgebaut ist. An einem Tag wäre es aber ungenutzt, und so entsteht die Idee, hier einen Flohmarkt auszurichten.

Die Männer der ersten Stunde sind Fritz Gärtner aus Käfertal, lange tätig beim Roten Kreuz, und der – inzwischen verstorbene – frühere „Mannheimer Morgen“-Redakteur Dieter Preuss. Sie scharen einen kleinen Kreis engagierter Ehrenamtlicher um sich, die sich von Anfang an als Bürgerinitiative verstehen und sich das „Krempelmarktkomitee“ nennen. 1980 werden sie vom Land als „Vorbildliche Bürgeraktion“ geehrt. Erst 1994 erfolgt der Eintrag ins Vereinsregister, nun unter dem bis heute verwendeten Namen „Projekt Freiraum“. Als Vorsitzender amtiert derzeit Uwe Gieseler.

Erlös für soziale Zwecke

Der Erfolg bei der Premiere 1970 auf dem Paradeplatz ist enorm, Jäger und Sammler von Krimskrams begeistern sich für die Idee. Doch seither sind die Krämer mehrfach gewandert. Vom Paradeplatz geht es in die Borelly-Grotte, dann findet der Krempelmarkt rund ums Nationaltheater auf dem Goetheplatz großen Zulauf. Aber schnell wird es auch da wieder zu eng. Inzwischen schlagen Tausende von Trödlern ihre Tapeziertische auf dem Neuen Messplatz auf – an sieben Samstagen im Jahr. Von 8 bis 14 Uhr wird verkauft, auch wieder am kommenden Samstag, 19. Mai.

Geblieben ist über die Jahrzehnte nicht nur der liebenswürdige, unverwechselbare Charakter des großen Durcheinanders für Trödel-Liebhaber, sondern auch ein eiserner Grundsatz: Die Überschüsse der Standgebühren werden stets gespendet für soziale, ökologische oder kulturelle Projekte – immerhin meist um die 15 000 Euro pro Jahr.

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