Mannheim

„Blattkritik von außen“ Grün-Weiss-Meistertrainer Gerald Marzenell lobt die regionale Berichterstattung, gibt aber auch Anregungen für Verbesserungen

„Lokalteil spielt entscheidende Rolle“

Archivartikel

Gerald Marzenell ist es als Tennis-Trainer gewohnt, sich immer wieder auf neue Herausforderungen einzustellen. Akribisch tüftelt der Teamchef von Meister Grün-Weiss Mannheim an seinem jeweiligen Matchplan – dabei ist während einer ganzen Saison bei Entscheidungen auch Weitblick gefragt. Der Feudenheimer hat sich daher bei seiner Analyse des „Mannheimer Morgen“ nicht nur intensiv mit den tagesaktuellen Themen auseinandergesetzt, sondern auch damit, wie die Zeitung noch attraktiver sein könnte. „Ich lese den ’MM’ seit dem Grundschulalter, er lag bei meinen Eltern und Großeltern immer auf dem Tisch“, berichtet der 54-Jährige bei der „Blattkritik von außen“ – einer Aktion dieser Zeitung, bei der seit Anfang 2015 alle drei Monate Prominente aus Wirtschaft, Politik, Kultur oder Sport die Zeitung besprechen, begleitet von Lesern.

Marzenell liest den „MM“ täglich, wenn er unterwegs ist die Online-Ausgabe. „Ich finde es spannend, die Entwicklung im Laufe der Jahrzehnte zu sehen“, sagt er. „Das Wichtigste ist für mich, dass der ’MM’ die Zeitung für die Region ist – in und für Mannheim. Der Lokalteil spielt die entscheidende Rolle.“ In diesem Bereich müssten die besten Redakteure eingesetzt werden. Die Titelseite bildet diesen Schwerpunkt „immer spannend“ ab, lobt Marzenell. An den „Aus aller Welt“-Seiten gefällt ihm die Berichterstattung über bunte, internationale Themen. „Ich erwische mich aber auch dabei, dass ich samstags die Todesanzeigen lese“, erklärt der Grün-Weiss-Teamchef – und muss ein bisschen über sich schmunzeln. Er sieht die Aufgabe der Tageszeitung darin, Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit bei Themen zu vermitteln.

Stadtteilseiten aufwerten

„Das Schnelllebige darf nicht der Maßstab sein“, betont er. Der 54-Jährige schätzt den Lokalteil, findet aber auch, dass man diesen noch mehr aufwerten sollte, um neue Leser zu finden. „Die Ereignisse in den Stadtteilen sollten noch prominenter vertreten sein“, wünscht er sich. „Das interessiert die Menschen. Diese Dinge finde ich nicht im Internet.“

Schnell hat er ein Beispiel zur Hand. „Ich vielen Stadtteilen ist es im November und Dezember Tagesgespräch, wo gerade eingebrochen wurde – in der Zeitung finde ich dazu oft nichts“, erzählt der Tennis-Coach. Auch die ganzseitige Anzeige von Möbel-Höffner auf der Titelseite der Dienstagsausgabe irritiert ihn. „Das ist nicht nur mir negativ aufgefallen“, sagt er.

Leser Friedebert Goldbach, der dem Aufruf dieser Zeitung gefolgt war, sich an der „Blattkritik von außen“ zu beteiligen, sieht das ähnlich. In einem anderen Punkt ist der 77-Jährige aus Neckarau aber anderer Meinung als Marzenell. Der Tennis-Trainer findet die kleinere Berichterstattung über die Wahl von Ralph Brinkhaus zum neuen Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag auf der Titelseite in der Mittwochausgabe ausreichend, da es kein lokales Thema sei. Goldbach hätte es gerne größer gehabt. „Als Meldung war die Nachricht versteckt. Das ist ein für Deutschland wichtiges Thema. Brinkhaus ist die rechte Hand von Kanzlerin Angela Merkel“, erklärt Goldbach, der die Zeitung seit 40 Jahren liest. Marzenell scheut nicht vor Kritik zurück. Doch wie im Sport sieht er dies als Mittel zur Optimierung. Ihm liegt der „MM“ am Herzen, er will Anregungen für Verbesserungen geben. Die wichtigsten Themen sollen seiner Meinung nach nicht nur lokal sein, sondern auch Geschichten erzählen. Der Feudenheimer berichtet von einem Mädchen aus der Neckarstadt, das er bei einer Tennis-Schnupperstunde an einer Neckstädter Grundschule kennenlernte – und das ein Jahr später bei einem Tennis-Camp auf der Grün-Weiss-Anlage auftauchte, weil es seinen Vater solange bearbeitet hatte, bis dieser es erlaubte. „Sie hatte keine Schuhe, keinen Schläger und konnte das einwöchige Camp nicht bezahlen – das haben wir dann übernommen und sie hatte eine Woche Freude und war voll integriert“, erinnert sich Marzenell. Das Thema Integration liegt ihm am Herzen.

Der Wechsel von ernsten zu unterhaltsameren Themen fällt Marzenell leicht. Er referiert über die Bedeutung von Psychologie im Sport und erzählt launig, dass er sich schon vor der Fußball-WM sicher war, dass die deutsche Mannschaft aufgrund ihrer internen Probleme nicht über die Vorrunde hinauskommen würde. Er hat sogar darauf gewettet – und gewonnen. Den Sportteil lobt er: „Auch wenn er sehr fußballlastig ist, aber jeder kleine Verein findet sich wieder.“ Im Wirtschaftsteil wünscht er sich, die lokalen Unternehmen mehr mitzunehmen. Generell sollten positive Nachrichten mehr herausgestellt werden.

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