Mannheim

Lust trotz Last?

Denken Sie auch manchmal: Wie schön war es, als ich „nur“ zur Schule gehen musste? Ich denke mir manchmal, wie wenig Verantwortung hatte ich damals als Kind im Vergleich zu heute! Denn je älter wir werden, desto mehr bringt das Leben mit sich, dass wir Verantwortung übernehmen müssen. In der Arbeit, in der Kindererziehung, mitunter für kranke Angehörige. Mit zunehmendem Alter spüren wir zudem, dass die eigene Belastbarkeit abnimmt und wir an unsere körperlichen Grenzen stoßen. Dann passiert es leicht, dass in schwierigen Lebensphasen die unbeschwerte Lebensfreude dahin ist, und wir statt der Lust nur noch die Last des Lebens wahrnehmen. Soll dies so sein?

Kinder als Ablenkung

Auch ich fühle mich manchmal wie erschlagen von den vielen Dingen, die noch auf meinem Schreibtisch warten, wenn ich nach einem langen Arbeitstag zurück ins Pfarrhaus komme. Direkt neben unserem Pfarrhaus befindet sich unser kirchlicher Kindergarten. Manchmal schaue ich dann inmitten der Büroarbeit aus dem Fenster und freue mich an dem Treiben der Kindergartenkinder. Wie viel Lebendigkeit und Leichtigkeit versprühen sie! Alles was sie machen, machen sie im Spiel. Ernst und Mühe sind bei ihnen nicht zu bemerken. Ihnen in diesem Moment zuzusehen ist die beste Ablenkung, die ich mir vorstellen kann. Obwohl in diesem Moment die Büroarbeit nicht einen Deut weniger geworden ist, schenkt mir das Beobachten der Kinder regelrecht Energie.

Ich finde es toll, dass in den letzten Jahren zunehmend Seniorenheime und Kindertagesstätten in direkter Nachbarschaft zueinander errichtet werden. Man nutzt die Erkenntnis, dass das tägliche Zuschauen der Kinder eine belebende Wirkung auf die Senioren hat. Diese bekommen andere Gedanken und Impulse.

Manche Betreiber gehen dabei sogar noch weiter: Neulich las ich von einer Kindertagesstätte, die mitten in einem Seniorenheim errichtet wurde. Hier helfen sich beide gegenseitig: Die Senioren bekommen wieder eine Aufgabe in ihrem Leben und werden gebraucht, die Kinder profitieren von den zusätzlichen Anlaufpersonen und der Sozialkompetenz, die sie früh durch die Begegnung erwerben. Aber für mich persönlich ist das Allerschönste, dass die Kinder die Senioren wieder förmlich in das Leben zurückrufen.

Wie Geschichte des Lazarus

Eine Geschichte aus der Bibel, die mich daran erinnert, dass uns auch Gott immer wieder in das Leben zurückruft, ist die des Lazarus. „Lazarus, komm heraus!“, spricht Jesus und befreit Lazarus aus seinem Höhlengrab wieder zum Leben.

Gott schenkt uns jeden Tag das Leben neu. Wir müssen nur lernen, es selbst mit Lebenslust jeden Tag zu befüllen. Das ist gewiss nicht leicht. Ich denke, dazu bedarf es, dass wir uns immer wieder einmal einen Moment losreißen von dem, was uns gefangen hält. Uns Auszeiten in der Natur nehmen, bewusst unsere Hobbys pflegen, die uns Freude bereiten, oder einmal etwas gänzlich Neues ausprobieren! Dies kostet gewiss zusätzlich Zeit, und die Verantwortung und die Bürde werden im Leben dadurch ebenso wenig kleiner. Aber mit etwas Abstand und neuer Kraft ergeben sich oft gänzlich neue Perspektiven.

Ich wünsche Ihnen viele neue Wege zu neuer Lebenslust und Leichtigkeit in Ihrem Leben!

Lasse Collmann, evangelischer Pfarrer in Weinheim

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