Mannheim

Abhängigkeit Plakataktion zum bundesweiten Aktionstag gegen Glücksspielsucht in Mannheims Bussen und Bahnen / Auch die Familien der Süchtigen leiden

Manche verzocken sogar das Kindergeld

Archivartikel

Kann ein Plakat Menschen von der Sucht abhalten? „Keine Hardcore-Glücksspieler. Aber wer die Tendenz hat, an seinem Leben etwas ändern zu wollen, hat den Anstoß bei einer Beratungsstelle anzurufen“, sagt Jörg Hügel von der Fachstelle Sucht des Landesverbands für Prävention und Rehabilitation in Baden-Württemberg (bwlv).

Vom heutigen bundesweiten Aktionstag gegen Glücksspielsucht bis zum 17. Oktober sind auch in Mannheim 150 Plakate in Bussen und Bahnen zu sehen. „Glücksspiel verspielt Dein Glück“, heißt es dort. Die Plakate kosten etwa 2000 Euro. In Mannheim beteiligen sich das Kommunale Netzwerk für Suchtprävention und Suchthilfe der Stadt, die Fachstelle Sucht des bwlv und die Suchtberatungsstelle in gemeinsamer Trägerschaft von Caritas und Diakonie Mannheim am bundesweiten Aktionstag. Experten zufolge sind etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland von einer Spielsucht betroffen, dabei werden Angehörige mitgezählt.

1900 Spielsüchtige in Mannheim

Konkret werden fast 230 000 Personen als spielsüchtig bezeichnet. Etwa 1900 Menschen gelten in Mannheim als spielsüchtig. 300 von ihnen suchten nach Angaben der Stadt im vergangenen Jahr die Beratungsstellen auf. Laut Annette Müller von der Suchtberatungsstelle in Mannheim kommen zu 70 Prozent Männer. „Viele Spieler haben ein geringes Selbstwertgefühl. Gewinne gelten als Erfolg.“ Die Spielsucht sei oft gekoppelt an Zigaretten oder Cannabiskonsum“, sagt Jörg Hügel. Bei Kneipenspielern komme oftmals noch der Alkohol als Suchtmittel hinzu. Wie der Experte des bwlv sagt, gehen vor allem Ältere gerne in Spielhallen, jüngere Menschen haben eher die Onlineangebote im Blick: „Sportwetten haben massiv zugenommen“, fügt er hinzu.

Gesundheitsbürgermeister Dirk Grunert nennt Zahlen: 2018 sei deutschlandweit 48 Milliarden Euro mit Glücksspielen umgesetzt worden, 2006 habe dies nur ein Drittel betragen. Die von Ungewissheit und Angst geprägte Corona-Zeit biete der Spielsucht einen Nährboden. Oft ergebe sich ein Teufelskreis: „Man möchte das zurückhaben, was man verloren hat.“

Pandemie fördert die Sucht

Hügel ergänzt, seit Corona seien mehr Spielsüchtige rückfällig geworden. Bei der ersten Sitzung der „Spielergruppe“ nach der Corona-Pause seien 75 Prozent der Teilnehmer rückfällig gewesen. Der Beginn der Sucht ist laut Annette Müller oft ein zufälliges Ereignis, zur Abhängigkeit komme es schnell. „Geld ist das Suchtmittel“, betont sie.

Betroffen sei in solchen Fällen die gesamte Familie der süchtigen Person. Oft gebe es Mietschulden, sogar das Kindergeld werde verspielt und manchmal fehle das Geld um Essen zu kaufen. Das ist nicht alles. „Spielsüchtige werden oft kriminell“, sagt Müller. Die Suchtberatungsstelle von Diakonie und Caritas rät betroffenen Familien, getrennte Konten zu führen. So könne der Abhängige nicht das ganze Geld ausgeben. Timo Kläser, Beauftragter Suchtprophylaxe der Stadt, setzt auf Prävention schon in Schulen. Es gibt einen speziellen Koffer mit Würfel- und anderen Spielen, bei dem anschaulich die Problematik deutlich gemacht wird.

Für Spielsüchtige gibt es Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Laut Müller werden auch ambulante Therapien angeboten, die sechs Monate bis ein Jahr dauern. Sogar eine stationäre Therapie mit etwa drei Monaten Dauer und anschließender Nachsorge ist demnach möglich.

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