Mannheim

Klinikum Zungenschrittmacher für einen erholsamen Schlaf / Unbehandeltes Schnarchen kann nach längerer Zeit tödlich sein

„Manchmal bin ich eingenickt – während ich mich unterhielt“

Mannheim.Günter Zehnbauer schnarcht. Beziehungsweise schnarchte. So könnte man es ausdrücken, wenn man es einfach halten will. Komplizierter – und medizinisch korrekt – heißt es: Zehnbauer litt an einer „Obstruktiven Schlafapnoe“, bei der das Schnarchen ein Symptom ist. Schon lange gibt es Abhilfen dafür – wie eine Schlafmaske – doch diese passen nicht zu jedem, können also auch nicht immer weiterhelfen. Ein Zungenschrittmacher aus der HNO-Klinik des Uni-Klinikums hat Zehnbauers Leiden nun ein Ende bereitet.

Beim Schlafen entspannen sich die Muskeln im Körper. So auch die Muskulatur der oberen Atemwege – also die Zunge und der mit ihr verbundene ringförmige Gaumen. Bei Menschen, die an einer Schlafapnoe leiden, führt das zu Atemaussetzern – und diese können nach mehreren Jahren tödlich enden, erklärt Joachim Maurer, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums und stellvertretender Leiter der HNO-Klinik.

Morgens wie gerädert

„Irgendwann hat meine Frau gemerkt, dass ich diese Aussetzer habe“, erzählt Zehnbauer. 68 mal in der Stunde – das Ergebnis aus dem Schlaflabor. Das heißt, mehr als einmal in der Minute musste ihn sein Körper „vor dem Ersticken retten“, wie der Facharzt es ausdrückt. Der heute 62-Jährige wurde also immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Gemerkt hat er davon nichts – zumindest nicht bewusst. „Ich war morgens wie gerädert“, erzählt er. Tagesschläfrigkeit und massive Konzentrationsschwächen waren die Folgen. „Es war so frustrierend.“ Zehnbauer stockt. „Ich musste manche Sätze fünfmal lesen und konnte mir trotzdem nicht merken, was darin stand.“ Autofahren sei zur Tortur geworden, essen gegangen sind er und seine Frau gar nicht mehr. „Manchmal bin ich einfach eingenickt – während ich mich unterhielt oder etwas aß.“ Der Körper erholt sich nicht, der Blutdruck sinkt nicht ab – was er in der Regel im Schlaf macht.

„So entsteht ein zu hoher Blutdruck“, erklärt Joachim Maurer. Das sei der Grund für viele Schlaganfälle oder Herzinfarkte. „Nach etwa zwölf Jahren einer unbehandelten Schlafapnoe ist das Kreislaufsystem massiv angegriffen. 30 Prozent dieser Menschen erleiden einen solchen oder ähnlichen Anfall.“ Die Hälfte davon würden laut Joachim Maurer tödlich enden.

Bei Günter Zehnbauer hat das Schnarchen 2012 angefangen. Warum so spät? Zu dieser Zeit war er bereits 56 Jahre alt. „Es gibt unterschiedliche Gründe“, erklärt Maurer. „Der Ursprung kann in der Form im Rachenbereich liegen.“ Dazu würden zu große Mandeln oder auch ein zu kleiner Kiefer zählen. „Eine weitere Ursache ist die Veränderung der Funktion – wie es bei Herrn Zehnbauer der Fall war.“ Mit dem Alter würden die Muskeln oder auch die Nerven nicht mehr so effektiv arbeiten. Das alles führe letztlich zu einer Verengung der Atemwege während des Schlafs.

Eine Schlafmaske, die mit kontinuierlicher Luftzufuhr einen Überdruck im Rachen erzeugt, gibt es schon lange. Auch andere Wege, das Schnarchen zu unterbinden, sind in der Medizin erprobt. „Ich habe mehrere Schlafmasken ausprobiert“, sagt Zehnbauer und lacht. „Das war der totale Horror.“ Seine Haut reagierte auf das Silikon. Der Umstand, an einem Schlauch befestigt zu sein, erschwerte ihm das Schlafen. „Wenn man sich bewegt, verrutscht die Maske“, so Zehnbauer. Die Folge: Die Luft aus der Maske entwich und geriet in die Augen des Patienten. Die trockneten aus und röteten sich. 2015 hatte er den entscheidenden operativen Eingriff. Er hat seitdem einen Zungenschrittmacher.

Ein Gerät, das – ähnlich einem Herzschrittmacher – in die Brust des Patienten eingesetzt wird. Davon gibt es zwei Modelle, die auf unterschiedliche Weise funktionieren. Letztlich ist der Sinn dahinter: Durch elektrische Impulse wird die Zunge und die angrenzende Muskulatur so angeregt, dass die Atemwege frei bleiben. Begleitet wurde Zehnbauer während dieser Zeit von Maurer und Krankenpfleger Oliver Schmidt, die über ein extra dafür angeschafftes Mobiltelefon quasi 24 Stunden für ihre Patienten erreichbar sind.

Und jetzt? „Keine Probleme mehr – gar nichts“, sagt Zehnbauer. Anfangs sei es ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl gewesen – dieses Kribbeln an der Zunge. Aber unangenehm sei es nie. Die Stromstärke werde, so Oliver Schmidt, nach der Operation und einer gewissen Erholungszeit individuell bei jedem Patienten angepasst. Auch Zehnbauer selbst kann mit einer Fernbedienung geringfügig etwas daran ändern. „Zum Beispiel, wenn ich mal ein Bier trinke – da hat mich meine Frau einmal ermahnt“, lacht der 62-Jährige. Dann kann es nämlich trotz des Schrittmachers noch zum Schnarchen kommen.